Kurzgeschichte: Elvira die Klapperschlange

♦ Elvira hieß eine gleichnamige Klapperschlange in Arizona, der das Leben übel mitgespielt hatte. „Wieso?“, fragen wir arglos. Niemand, noch nicht einmal ich, kann das Schicksal ergründen. Sondern wir Menschen können Schicksal höchstens erzählen. Aber gegen die Frage: „Warum nur?“, sind wir machtlos.
Wohlan: Als junge Klapperschlange verfügte Elvira über glänzende Aussichten, ein wohlgefälliges Leben zu führen. Aber dann kam alles anders. Elvira war in eine Feuersbrunst geraten. Die herbeieilenden Feuerwehrmänner hatten eine ziemliche Hektik verbreitet, ja, sogar eine Panik ausgelöst. Zu diesen Feuerwehrmännern gehörte auch John Barleycorn, ein früh verwitweter, gut erhaltener Mittvierziger. Er hatte wie alle Feuerwehrmänner schwere Lederstiefel getragen. Elvira hatte als neugierige Zuschauerin die Feuersbrunst aus nächster Nähe beobachten wollen. In der oben schon erwähnten allgemeinen Panik hatte John Barleycorn Elvira beinahe auf den Kopf getreten. Elvira hatte reflexhaft zugeschnappt und in seinen eisenbeschlagenen Lederstiefel gebissen. Dabei waren ihre beiden Giftzähne abgebrochen. Sie wuchsen nicht mehr nach.
Nachdem die Feuersbrunst abgewandert war – der Wind hatte sich gedreht – lebte Elvira wieder in der Nähe ihrer Heimat-Ranch, die den schönen Namen „Blind Arrow“ trug.
Sehr bald hatten die Kinder auf der Ranch herausgefunden, dass Elvira ohne Giftzähne und also ungefährlich war. Zwar klapperte sie wie der Teufel, aber biss dann nicht zu. So dichteten die Kinder bald den Spottvers:
„Elvira mit ihrer Klapper klang,
bis ihre Klapper schlapper klang.“
Elvira mochte den Vers nicht.
Elvira verdingte sich in dieser Zeit bei einer in der Nähe lebenden, mit gefährlichen Giftzähnen bestückten Klapperschlangenfamilie als Babysitter. Dort wurde sie gut bezahlt und führte ein recht gemütliches Leben, bis die Babyklapperschlangen groß wurden. Dann arbeitete Elvira noch weiter als Haushaltshilfe.
Bei Gefahr konnte sie zwar gefährlich klappern, aber beißen konnte sie nicht.
Aber wie das so ist, im Leben bekommt jeder immer wieder mal eine zweite Chance. Wieder war eine Feuersbrunst ausgebrochen. Kaum waren die Feuerwehrmänner angerollt und hatten den Schlauch ausgerollt, als John Barleycorn einen Moment unachtsam war. Diesen Moment nutzte Elvira, sprang in den Schlauch, soff sich voller Wasser, bis sie fast so dick war wie der Schlauch, dann ließ sie sich ins Feuer spritzen, spuckte dort das Wasser aus und konnte zwar den Brandherd nicht löschen, aber ihr guter Wille wurde allgemein anerkannt. Zwar verbrannte sie bei der Aktion ihre Klapper, so dass sie nun weder beißen noch klappern konnte – jaja, nichts geht ohne Opfer – aber leider blieb das Denkmal, auf das sie spekuliert hatte, aus.
Heute lebt Elvira im Seniorenheim.
Zum Glück hatte Elvira früh eine Invalidenversicherung abgeschlossen, so dass sie jetzt im Alter gar nicht mal so schlecht dasteht.
So lebt sie ihrem beschaulichen Ende entgegen, und jedem, der es nicht hören will, erzählt sie die Geschichte ihrer unglaublich wunderbaren Rettungsaktion.
Jaja, so ist der Mensch. Im Alter erlangt er die Fähigkeit, sein verpfuschtes Leben gar nicht mal so übel darzustellen, wie es wirklich war.
Naja…

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

 

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