Kurzgeschichte: Corinna die Ölsardine

 

♦ Corinna hieß die Ölsardine, der das Leben übel mitgespielt hatte. Sie lag nämlich in einer Ölsardinenbüchse links außen neben einem Hering, der – sei es absichtlich oder aus Versehen – in diese Sardinenbüchse geraten war. Corinna hielt es kaum aus. Nackt, unheimlich stark eingeölt lag sie da, auf der einen Seite an den Ölsardinenbüchsenrand gepresst, auf der anderen Seite lag Kurt der Hering. Corinna fühlte sich von ihm bedrängt, obwohl Kurt ihr gar nichts tat und auch sonst keine Absichten hatte. Aber Corinna hatte eine sehr rege Phantasie, und nackt an Kurt hingepresst zu sein, regte sie zu allerlei Geschichten, die sie vielleicht erleben wollte, an. Diese Geschichten, es waren teilweise sehr verfängliche Geschichten, erzählte sie unentwegt dem Kurt. Der aber antwortete auf Zwischenfragen meist sehr einsilbig wie: „Ach, so war das.“ Oder: „Na, das ist ja interessant.“ Oder: „Hätt‘ ich nicht gedacht.“ Oder einfach nur: „M-hm… Aha… Oho…“ Kurts Einsilbigkeit machte Corinna unglaublich wütend. Sie beschloss, Kurt nicht mehr zu mögen. Und um ihn zu ärgern, plapperte sie eine Geschichte nach der anderen. Aber sind wir ehrlich: Corinna ging bald der Stoff aus, denn der Erlebnishorizont einer Büchsenölsardine ist enorm beschränkt.
Doch eines Tages kam Licht in die Dunkel-
heit. Was war geschehen? Wer hatte die Konservenbüchse geöffnet?
Kordula Krawuttke, eine noch ganz gut aussehende Vierzigjährigerin, hatte als Festtagsessen einen großen Salat angesetzt.
Kordulas Großvater war aus der Ukraine nach Polen eingewandert und von dort heimlich über die Grenze marschiert und hatte sich in Wunsiedel angesiedelt. Kordula hatte aber den Kontakt zu ihrem Großvater abgebrochen, und er spielt auch in unsrer Geschichte keine weitere Rolle.
Aber was war mit Kordula geschehen? Wa-
rum bereitete sie einen großartigen Salat mit gekochten Eiern, Mayonnaise und Ölsardinen? Was führte sie im Schilde?
Ja, auch Kordula wusste wie alle Frauen, dass Liebe durch den Magen geht.
Kordula war Sozialarbeiterin und hatte sich in den Kirchenvikar Pater Peter unsterblich verliebt. Bei einem schönen Salat und einem gut gekühlten Glas Weißwein wollte sie ihm näher kommen. Vielleicht auch zwei Gläschen Weißwein? Oder sogar drei Gläschen Weißwein? Wollte sie ihn verführen?
Es wird berichtet, dass Männer, die im Zölibat leben, auf Frauen einen ungemein erotischen Reiz ausüben, weil die Frauen überprüfen wollen, ob dieses Zölibat wirklich ist oder nur vorgegaukelt.
Kordula war enorm aufreizend geschminkt. Und ehrlich gesagt, ihr blumenbedrucktes Sommerkleid war verdammt tief ausgeschnitten. Ihr Plan war klar.
Wir wissen leider nicht, ob dieser Plan aufging. Oft ist es sehr schwer für vierzigjährige Frauen, einen Vikar zu verführen. Aber immerhin, man sollte nichts unversucht lassen.
Kehren wir zurück zu Corinna. Wenn wir glauben, die freute sich, endlich von Kurt getrennt zu sein, dann täuschen wir uns. Erst als sie nach dem Sturz in die Schüssel verzweifelt und vereinsamt im Salat herumschwamm, wurde ihr klar, dass sie Kurt Hering liebte.
Ja, so geht es uns Menschen oft. Erst beim Abschied merken wir, wie stark doch die Gefühle für den andern waren.

(Aus: Johannes Galli, „Tiere sind auch nur Menschen – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

5 Kommentare zu “Kurzgeschichte: Corinna die Ölsardine
  1. Rainer sagt:

    Wie wahr, starke Gefühle verbergen ich gerne vor mir selbst, sie machen mich verletzlich

  2. Renate Großmann sagt:

    So wie Corinna, ist es mir auch schon ergangen.

  3. Heidrun Ohnesorge sagt:

    Ach ja, auch einsilbige Heringe werden geliebt 😉

  4. Michael Wenk sagt:

    Ich bemerke nicht nur, wie stark die Gefühle für den anderen Menschen waren, sondern auch was ich falsch gemacht habe und was ich versäumt habe, kommt mir in den Sinn.

  5. Charlotte de la Pointe sagt:

    Hochinteressant der Widerspruch in der Reaktion von erzählerischen weiblichen Figuren und männlichem Schweigen und den männlich-weiblichen Kommentaren!
    Während „Frauen“ in der Geschichte überwiegend „sehnsuchtsvoll“ daherkommen, reagieren „Männer“ verhalten unbeteiligt. Anders in der Reaktion der Kommentare. Den Damen widerfährt Erlebtes und den Herren der Schöpfung fällt es wie Schuppen von den Augen. Oder so.
    Erzählkunst vom Feinsten !

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