Kurzgeschichte: Bruno der Gabelstapler

♦ Bruno war ein Gabelstapler und ziemlich stark. Er lebte im Getränkegroßhandel Holzhammel in der Nähe von Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart. Der Getränkegroßhandel Holzhammel alkoholisierte die Großgegend um Bietigheim-Bissingen sehr kompetent, meistens mit Starkbier und, wenn harte Sachen gefragt waren, mit Wodka. Wenn Bruno seine beiden Eisenarme unter eine Palette schob, auf der tonnenweise Getränke in Kästen gelagert waren, und hochhievte, da stöhnte er noch nicht einmal.
In dem Hauptgebäude der Getränkegroßhandlung hatten sich die Arbeiter hinten auf der nordöstlichen Seite eine gemütliche Pausenecke eingerichtet. Hier verbrachten sie ihre Mittagspause täglich von zwölf bis zwölf Uhr fünfzehn. Eine sorgende und liebende Hausfrau hatte Fritz Hitz, ihrem Ehemann, eine Mikrowelle mitgegeben. Warum? Fritz Hitz aß gerne heiße Pizza, Zwiebelkuchen oder Bratwurst. Die Mikrowelle hieß Ilona und machte die Dinge in ihr heiß, ohne selbst heiß zu werden. Eine typische
Frau eben.
Es kam, wie es kommen musste. Als Bruno Ilona zum ersten Mal erblickte, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. In diesem Moment verliebte Bruno sich unsterblich in Ilona. In seiner Freizeit, also wenn er nicht zum Kisten Schleppen gebraucht wurde, und das war meist nachts, rollte er unauffällig in die Pausenecke und stand ungelenk neben Ilona und kriegte kein Wort heraus. Natürlich fiel Ilona auf, dass Bruno sich für sie interessierte. Und sie half ihm auch, indem sie verlegen fragte: „Ja, was gibt‘s?“ Oder: „Hast du gerade was gesagt?“ Oder: „Sprich doch etwas lauter.“
Aber all ihre Aufmunterungsversuche halfen nichts. Bruno schwieg schüchtern. Er ärgerte sich und versank in hemmungsloser Selbstanklage. Ja, so sind die Männer. Nach außen sind sie stark wie ein Gabelstapler und innen schwach wie ein Rührei.
Der Zufall kam Bruno zur Hilfe. Eines Tages ruckelte Bruno über eine Unebenheit im seinerzeit schnell hinzementierten Fußboden der Getränkegroßhandlung Holzhammel, und eine Kiste Wodka, die oben auf der Palette aufgetürmt war, fiel krachend zu Boden. Bevor die Putzfrau Caro Kaminski, die aus Polen eingewandert war und eine vierköpfige Familie durch ihrer Hände Arbeit versorgen musste, die Scherben wegwischen konnte, hatte Bruno einen tiefen Schluck genommen. Jetzt wurde er mutig. Jaja, der Alkohol… Er täuscht Verwegenheit vor, wo keine ist. Naja…
Nach der Mittagspause rollte Bruno ebenso lässig wie mutig, weil leicht alkoholisiert, zu Ilona und sprach ohne bedeutsame Pause: „Ich will mit dir schlafen.“
Oh, das kam nicht gut an bei Ilona.
Zwar lieben alle Frauen Komplimente, aber diese Komplimente müssen wohldosiert und konsequent gesteigert werden. Dann führen sie zum Ziel. Brunos Vorstoß war viel zu vorschnell. Das geht doch nicht an: Wochenlang schweigen, kein charmantes Wort, kein Kompliment, und dann so was! Ilona blieb kalt und antwortete ihm nicht. Bruno murmelte gesichtswahrenderweise: „Ich glaube, ich muss zurück zur Arbeit“, und rollte moralisch zerstört von dannen. Er schämte sich so sehr, dass er nie mehr in die Pausenecke fuhr.
Jaja, so sind die Männer. Erst zu schüchtern, dann zu dreist und am Ende überstürzt.
Schade!

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

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