Kurzgeschichte: Balduin der Wäscheständer

♦ Balduin hieß der Wäscheständer, der zur Gütergemeinschaft der Reckenhursts gehört hatte. An Balduins Querstreben waren Schnüre angebracht, die, wenn Balduin zusammengeklappt war, schlapp und sinnlos herunterhingen. Aber auseinandergeklappt, wenn die Schnüre aufgespannt waren, konnte man Wäschestücke draufhängen, die sofort begannen, vor sich hin zu trocknen. So war Balduin gerade für eine Wohnung ohne Balkon und ohne Garten, also ohne natürlichen Zugang zu Wäscheleinen, die ideale Alternative. Allerdings war der psychische Zustand von Balduin sehr bedenklich.
„Warum?“, fragen wir unverhohlen.
Sehr häufig, wenn die Dinge heftig leiden, ist menschliches Zerwürfnis die Ursache. Seit einer schweren Krise der ehemals frisch verliebten Anja und Sven Reckenhurst war die unvermeidliche Trennung wie ein Herbstgewitter aufgezogen. Leidtragend war der kleine Sohn der Reckenhursts, Moritz Reckenhurst. Nach der Trennung, die nicht ohne Geschrei vonstatten ging, war Anja alleinerziehende Mutter. Doch halt, so viel zu erziehen hatte sie gar nicht. Denn Moritz besuchte öfters, als ihr lieb war, seinen Vater, der am Stadtrand lebte und der ihn mit Fußballspiel geködert hatte, so dass Anja nichts zu erziehen hatte. Aus diesem Grunde war Anja unausgeglichen. Und so manchen ihrer Wutanfälle musste der geduldige Balduin über sich ergehen lassen. Da wurde geschrien, gestampft, und am Ende wurde Balduin wuchtig zusammengeklappt und in die Ecke geschmissen, doch dann versöhnlich wieder hervorgekramt, aufgespannt, und da konnte er zeigen, was er konnte: Allerlei Wäschestücke trocknen.
Balduins angestammter Platz war von Anfang an im Schlafzimmer gewesen. Oh, da war es früher heiß hergegangen, und Balduin war grinsend Zeuge vieler evolutionsdeterminierter Aktivitäten geworden. Aber nichts erkaltet so schnell wie ehemals heiße Liebe. Und jetzt, nach vollzogener Trennung, herrschte in Anjas Schlafzimmer, wie man so schön sagt, tote Hose.
Balduin war an der raschen Trennung zwischen Anja und Sven nicht ganz unschuldig. Das hatte seinen Grund darin, dass er Sven nicht mochte. Und also, wenn Anja Unterwäsche, Unterhemden, Socken und Oberhemden von Sven auf Balduin aufhängte, verweigerte der den Trocknungsprozess. Wie machte er das? Ganz einfach. Wenn Anja und Sven nicht im Schlafzimmer waren, und das war tagsüber ziemlich oft, klappte Balduin einfach zusammen. Nun hing die Wäsche aufeinander und konnte und
konnte nicht trocknen.
Sven hasste es, feuchte Unterwäsche anzuziehen. So kam es nach und nach zum Zerwürfnis. Und ehrlich, wer zieht schon gerne feuchte Wäsche an?
Kinder sind sehr empfindsam, und Moritz spürte die Gefahr, der seine Eltern ausgesetzt waren. Er mühte sich mit diplomatischer Gewandtheit, aber die verfeindeten Parteien waren nicht zu befrieden.
Balduin, der alte Schlingel, hatte gute Arbeit geleistet. Anja und Sven hatten sich endgültig getrennt. Anfangs hatte sich Balduin gefreut, dass sein perfider Plan aufgegangen war. Später aber bemerkte er, dass Anja ihn nicht mehr mochte. Jaja, so sind die Pläne. Viele von ihnen gehen nicht auf. Aber das weiß man immer erst zum Schluss. Naja…

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)