Gefühl oder Seele

 

♦ Unglücklicherweise hat es sich sprachlich eingebürgert, die Begriffe „Gefühl“ und „Seele“ gleichbedeutend zu verwenden. Aber Gefühl und Seele sind nicht identisch. Sie sind sogar extrem unterschiedlich. Ein Gefühl will Seele vermeiden, und Seele will Gefühl vermeiden.
Gerade in therapeutischen oder religiösen Zusammenhängen werden die beiden Begriffe unklar und verschwommen verwendet und es erscheint so, als seien sie austauschbar. Sehr häufig wird von seelischen Problemen gesprochen, wenn Probleme in der Gefühlswelt des Menschen gemeint sind.
Gefühle entstehen, um individuelle Bedürfnisse schnellstmöglich und extrem effektiv zu befriedigen. Wann immer Bedürfnisse auftauchen, wie zum Beispiel das Bedürfnis nach Essen, Bedürfnis nach sexueller Befriedigung, Bedürfnis nach einer harmonischen Beziehung, Bedürfnis nach Reichtum, Bedürfnis nach Glück, werden die Gefühle handlungsbestimmend aktiviert, um diese Wünsche realisierend zu erreichen.
Diese Gefühlswelt des Menschen kann man auch einfach „Ego“ nennen. Das Ego ist also für Bedürfnisbefriedigung eines jeden Einzelnen zuständig. Das Ego entsteht individuell bei jedem Menschen aus dessen ganz spezifischer Lebensgeschichte heraus. Probleme in der Gefühlswelt, also im Ego, führen zu Unglück, Schmerzen, Unzufriedenheit, Disharmonie, Unfrieden mit sich und der Welt. Die von vielen Menschen zu Hilfe gerufenen Therapeuten versuchen, in die Gefühlswelt des Hilfesuchenden einzugreifen, so dass das Ego wieder voll funktionsfähig seiner Aufgabe der optimalen Bedürfnisbefriedigung nachkommt. Allerdings ist es entscheidend, welche Werte, das heißt, zu erreichenden Ziele, in das Ego, also in die Gefühlswelt des Menschen eingepflanzt worden sind und wie er mit diesen eingepflanzten Möglichkeiten seine Ziele in der heutigen modernen Gesellschaft gut erreichen kann.
Ego ist nichts anderes als die subjektive Gefühlsstruktur des Menschen.
Ganz anders der seelische Bereich. Hier gibt es keine Bedürfnisse. Auf der einen Seite gibt es die Seele als individuelle Lichtinformation. Und zum andern gibt es die Allseele als kosmische Lichtinformation. Um das zu verstehen, betrachten wir folgendes Beispiel: Da gibt es drei Kerzen, die entzündet werden und leuchtend brennen. Individuelle Seelen. Dann werden diese drei Flammen zusammengehalten, so dass eine große Flamme entsteht. Die Allseele. Die Flamme besteht immer aus dem gleichen Feuer.
Seele ist das Gewissen der Menschheit. Die Seele vergisst nie, was im Laufe der Evolution die Menschen sich gegenseitig angetan haben. Kämpfe, Schlachten, Kriege, aber auch Siege, Glorie, Erhabenheit, alles ist in einer riesigen Bilderflut gesammelt.
Gefühle sind immer individuell. Jeder Mensch reagiert auf Lebenssituationen anders. Seine gefühlsmäßige Struktur gebietet ihm, je nach eigenen Erfahrungen zu reagieren. In der Seele wirken die ehernen Gesetze der Menschheit. Einen Zugang zur Seele gewinnt man nur, wenn man das Schicksal der ganzen Welt im Auge hat. Im Seelenraum herrscht keine Zeit. Hier überlagern sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Seele kann niemals sagen, dass dieses oder jenes Geschehene nichts mit ihr zu tun hat. Gefühle können sich abgrenzen. Gefühle können sagen: „Was da und dort geschehen ist, hat mit mir nichts zu tun.“ Die Seele kann das nicht. Sie ist immer und überall mit dabei.
Die Konsequenz dieser Begriffsbestimmung bringt uns in große Schwierigkeiten. Ich selbst habe viel leiden müssen, um diese Erkenntnis zu erlangen. Dafür steht diese Erkenntnis jetzt auf sicheren Füßen. Gefühle sind Reaktionen, die nach festgelegten Erfahrungsmustern ablaufen. Der fühlende Mensch kann nur selten und wenn unter größter Anstrengung in seine Erfahrungsmuster eingreifen.
Den Seelenraum kann man nur dann erreichen, wenn man die Kraft hat, sich alles, auch die grausamsten und unmenschlichsten Situationen, vorzustellen, ohne die Gefühle zu involvieren und die Spannung über die Gefühle abzuleiten.
Es ist offensichtlich, dass die Menschen Leid und Schmerzen fliehen und also den Seelenraum vermeiden, wo sie können. Sie wollen sich das Übel in der Welt, das Gemeine, das Verbrecherische, das Ungerechte nicht vorstellen, weil sie glauben, wenn sie es verdrängen, bleiben sie im inneren Gleichgewicht. Es ist ein irrsinnig schwieriger Prozess, sich selbst so zu stärken, dass man die Bilder, die die Menschheit produziert, aushält.
Die Frage: „Wie kommt man aus dem Gefühlsraum in den Seelenraum?“, ist kurz und schmerzhaft beantwortet: Gar nicht. Gefühle werden vom Ego gesteuert. Es ist unsinnig, zu glauben, dass das Ego das Ego überwinden kann. Nur zähe, tagtäglich wiederholte Übungen in Meditation, Gebet und Kontemplation können den Seelenraum öffnen.

(Aus: Johannes Galli, „Seelenlichter – Ein Traktat“)

2 Kommentare zu “Gefühl oder Seele
  1. Michael Wenk sagt:

    Als ich meinen Sohn verloren habe, waren mir emotionale Auftritte von Menschen unangenehm, sie störten die Stille und drohten das eben entzündete Licht auszulöschen.

  2. Pia Magdalen sagt:

    Ich muss zugeben, dass ich auch die furchtbaren Ereignisse, die auf der Welt geschehen schnell wieder beiseite schiebe. Wenn ich anfange mir die grausigen Dinge vorzustellen, muss ich mein Leben ändern und kann nicht mehr so tun als wär alles in Ordnung.

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