Kurzgeschichte: Emil das Email

♦ Emil heißt das Email, das nahezu täglich durch den Äther jagt und auf diese moderne Weise allerlei Informationen verbreitet. Aber einmal griff Emil auf verheerende Weise in einen
Kommunikationsprozess ein, und davon will ich berichten. Graf von Stoltenbarsch hatte sich ziemlich
verliebt in Bettina von Gluck. Alles passte zusammen. Sie waren beide vom Hochadel, vermögend, kannten sich aus in Tischmanieren und Hofetikette und passten auch altersmäßig gut zusammen – Stoltenbarsch war neununddreißig, Bettina zweiunddreißig. Es wäre sicher alles gut ausgegangen im Sinne einer Ehe, aber das Schicksal beziehungsweise Emil das Email wollte es anders.
Der Reihe nach!
Stoltenbarsch war weiß Gott nicht der Mutigste. Seine Schüchternheit war manchmal peinlich. Mehrmals hatte Maximilian schon in Gesprächen Anlauf genommen, um Bettina zu fragen, ob sie seine Ehefrau werden wolle. Sie hatte auch angedeutet, dass sie seine Frage höchstwahrscheinlich bejahen würde. Aber Graf Maximilian von Stoltenbarsch schaffte es einfach nicht. Seine Angst vor Ablehnung war übermächtig.
Schon im Kindergarten hatten die Kinder immer gerufen:
„Stoltenbarsch, du bist ein Arsch.“
Auch später in der Schule erklang allüberall, wo er auftauchte, derselbe Spottvers. Und noch später in seinem kaum regen Berufsleben wurde er immer wieder geärgert mit dem nicht sehr intelligenten Zweizeiler:
„Stoltenbarsch, du bist ein Arsch.“
Kein Wunder also, dass Maximilian zutiefst verunsichert war und also zum Email griff, um Bettina seine Liebe zu gestehen und sein Angebot zu unterbreiten. Er hatte schön formuliert, geschickt romantische Floskeln eingebaut und kam am Ende auf den Punkt.
Jaja, die Menschen sind viel mutiger, wenn sie sich nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen, sondern wenn die Botschaft unpersönlich über Email abgeschickt wird. Kaum war das Email abgeschickt worden, da kam es auch schon ziemlich gehetzt bei Bettina an. Die las es, und mit glücksfeuchten Augen schrie sie laut: „Ja, ja, ja! Ich will deine Frau werden.“
Sofort hämmerte Bettina ihr Ja-Wort in die Tastatur ihres Smartphones und drückte glücklich jauchzend die Taste „Senden“.
Und jetzt kommt die ganze Hinterfotzigkeit von Emil dem Email zum Vorschein. Einerseits überredete Emil das Smartphone, „gesendet“ zu melden, andererseits dachte Emil nicht daran, die Nachricht in Richtung des Grafen zu transportieren. Emil mochte den Grafen nicht.
Das hatte der Graf nun von seiner Schüchternheit. Tagelang musste er auf Bettinas Antwort warten. Und Bettina von Gluck wartete auf des Grafen Rückantwort. Vergeblich.
Graf Maximilian dachte nach einigen Tagen: „Bettina ist doch eine blöde Glucke“, und weiter dachte er auch, ja einmal schrie er es sogar laut hinaus: „Wer nicht will, der hat schon.“
Bettina dachte sich ziemlich entrüstet: „Dieser von Stoltenbarsch ist doch ein echter Arsch.“
Keiner der beiden meldete sich jemals wieder beim anderen. Und Emil feixte. Jaja, so ist der Mensch. Wenn er nur Kommunikation verhindern kann, dann ist er glücklich.
Naja…

(Aus: Johannes Galli, „Vom Leben der Dinge – Geschichten zur Entspannung des Geistes”)

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