Die Weihnachtsgans

 

♦ Heute schreibe ich an alle Menschen, die sich zum bevorstehenden Weihnachtsfest rüsten. Denn Weihnachten ist psychisch gesehen eine sehr gefährliche Zeit. Aus diesem Grunde möchte ich mit warnenden Ratschlägen nicht hinterm Berg halten. Die meisten Menschen sind jetzt voll im Stress, und um der psychisch schwierigen Zeit zu entgehen, konzentrieren sie sich auf die Vorbereitung der verschiedenen Weihnachtsessen und Weihnachtsgetränke. Ansonsten hoffen sie einfach darauf, dass die menschlichen Begegnungen an Weihnachten schon irgendwie gut gehen werden. Schließlich ist es ja das Fest der Freude. Dennoch wiederhole ich: Es ist Vorsicht geboten. Es ist die dunkelste Jahreszeit. Kalt und finster. Und nach germanischen Sagen suchen uns um diese Zeit die Geister der Ahnen heim und stacheln uns auf und sorgen für Zwietracht unter den Menschen.
Gerade das Aufeinandertreffen langjähriger Verwandter und anderer nicht immer angenehmer Zeitgenossen stürzt all jene, die meine Warnung nicht ernst nehmen, in eine tiefe Weihnachtskrise. Anstatt sich auf menschliche Begegnungen psychisch gut vorzubereiten, beschränken sich die Vorbereitungen der Weihnachtsfeierer auf körperliche Genuss-Planung. Gibt es Gänsebraten oder Karpfen? Hase oder Wildschweingulasch? Mit Rotkraut oder Blaukraut oder Grünkohl oder Gelbwurz? Außer dieser Essensfrage muss die Getränkefrage geklärt werden: Rotwein, Weißwein oder Sekt? Gin, Wodka oder Whiskey? Oder für Oma einen Eierlikör? Wer braucht durch welche Alkoholika welchen Pegel, um festliche Freude zu empfinden? Natürlich alles vom Feinsten und in stapelbare Reservekanister abgefüllt, wie es das Fest gebietet. Aber Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht. Schnell gibt ein Wort das andere und der Streit ist da. Irgendeiner macht eine wahre Bemerkung, und schon haben wir den Salat. Wer will denn an Weihnachten die Wahrheit hören? Um Gottes Willen, niemand! Ich sage: Ball flach halten! Lehrstunde im Smalltalk, zu deutsch: Kleingespräch. Nichts riskieren. Bei gegensätzlichen Meinungen: Mund halten. Nichts ausdiskutieren. Auf keinen Fall provozierende Reden schwingen.
Wer nun fragt, was um Himmels Willen er denn dann bitteschön an Weihnachten reden soll, dem gebe ich sogleich die Antwort: Wäre es nicht passend, eine schöne Geschichte von früher erlebten Weihnachtsfesten zum Besten zu geben? Ich will mit einem Beispiel vorangehen und etwas aus meinem früheren Leben erzählen. Es war vor über fünfzig Jahren… Entschuldigung, dass ich so alt bin, aber ich kann doch nichts dafür. Ich werde automatisch alt! Es ist doch nicht so, dass ich’s wollte! Aber meine Kindheitserinnerungen sind ganz lebendig. Hier also mein regelmäßiges Weihnachtserlebnis aus dieser Zeit:
Die Bescherung am Heiligabend war gut gelaufen. Ich hatte das Theaterstück „Oh, wie ich mich über meine Geschenke freue“ gut durchgezogen und hatte mich nur erkundigen müssen, ob die selbstgestrickten Wollsocken vielleicht doch Fäustlinge waren, um daraufhin durch zähes Nachfragen zu erfahren, dass es zwei selbstgestrickte Skimützen sein sollten. Auch mein Schwesterchen spielte ihre Rolle gut und freute sich scheinbar maßlos über ein selbstgenähtes Puppenkleid, was aber eigentlich ein Hosenanzug war, von dem wir beide wussten, dass sie ihn der Puppe nie antun würde.
Vater hatte relativ früh den Pegel der Glückseligkeit ertrunken und Mutter war schon kurz nach der Bescherung eingeschnarcht. Sie hatte einfach mit den Weihnachtsvorbereitungen zu viel zu tun gehabt. Und so endete der Heiligabend ziemlich früh.
Der Höhepunkt aber, von dem ich ausführlich erzählen will, war natürlich am ersten Weihnachtsfeiertag die Weihnachtsgans. Wie jedes Jahr hatten wir alle Hoffnung, dass wir in diesem Jahr heil das Mittagessen am ersten Weihnachtsfeiertag überstehen würden. Das war nämlich verdammt kritisch. Jahr für Jahr begannen meine Eltern bei diesem Mittagessen einen Streit. Aber vielleicht hatten wir dieses Jahr Glück? Nun der Reihe nach! Vater hatte noch kaum etwas getrunken und Mutter hatte sich am Backofen die rechte Hand verbrannt. Aber das Rotkraut schmeckte gut und auch der Kartoffelbrei war schön sahnig. Aber das alles war nur Vorgeplänkel. Die Frage aller Fragen lautete: Wie würde die Gans schmecken? Ich glaube, sie war wirklich gut. Vielleicht sogar ausgezeichnet. Gut, möglicherweise ein bisschen zu zäh. Aber für jemanden, der gewohnt sein sollte, sechsunddreißig Mal zu kauen, war das wirklich kein ernsthaftes Problem.
Wir saßen also kreuzweise am Tisch: Mutter meinem Vater gegenüber, ich meiner Schwester gegenüber. Aber was war das? Da rollte ganz langsam eine Zündschnur aus Mutters Mund und schlängelte sich quer über den Tisch in Richtung Vater. Meine Schwester und ich blickten entsetzt.
„Vater“, schrien wir beide… ich meine innerlich… also unhörbar… „Sei vorsichtig! Pass auf die Zündschnur auf. Um Gottes Willen, sage nichts Negatives. Wenn du überhaupt etwas sagen musst, dann lautet der vorgeschriebene Satz: ‚Die Gans schmeckt besser als bei meiner Mutter’!“
Wir starrten gebannt auf die Zündschnur. Würde Vater sie trotz all unsrer telepathischen Warnungen anzünden? Oder würde er es schaffen, dieses Jahr diplomatisch zu lügen? Ich glaube, vorgenommen hatte er sich’s. Aber dann kam von Mutter die Granate aller Fragen: „Na, wie schmeckt die Gans?“
Vater kaute noch. Ich kaute noch. Meine Schwester kaute noch. Wir beriefen uns alle auf das Tischgesetz: Mit vollem Mund spricht man nicht. So hatten wir ein bisschen Zeit gewonnen.
Natürlich war Vater in Not. Wahrheit oder Lüge? Ich versuchte ihn magisch zu beeinflussen und funkte ihm telepathisch rüber: „Vater, im Allgemeinen darf man nicht lügen. Aber an Weihnachten schon, weil das Christkind verzeiht alles an Weihnachten!“
Meine Schwester hatte das zähe Fleischteil unauffällig ausgespuckt und irgendwo im Kartoffelbrei vergraben. Jetzt schloss sie die Augen, und da sie als Teilnehmerin des weiblichen Geschlechts von Natur aus mehr Magie entfalten konnte als ich, war ich sicher, dass sie dem Vater telepathisch funkte: „Vater, beherrsche dich und sag lieber nichts! Wenn du schon nicht lügen willst, dann sag einfach nichts!“
Auch ich hatte inzwischen die Gans (bestand sie denn nur aus Sehnen und Knorpeln?) im Rotkraut begraben. Vater kaute immer noch. Meine Schwester und ich blickten zum Himmel: Wo waren die Weihnachtsengel, die man uns versprochen hatte?
Dann schluckte mein Vater die Gans hinunter. Oder sollte ich sagen: Er würgte sie hinunter?
Meine Schwester und ich hatten uns verständigt: Sie sollte weiter magisch beruhigend auf Vater einwirken, ich würde jetzt Mutter übernehmen. Und ich funkte Mutter folgende telepathische Botschaft: „Mutter, keine zweite Frage. Mutter, bitte nicht nachfragen. Nicht nachfragen. Auf keinen Fall nachfragen! Es liegt Gefahr in der Luft.“
Wollte sie mich nicht hören? Oder konnte sie es nicht? Mit großem Entsetzen hörte ich, wie Mutter ihre Frage mit gefährlichem Grinsen wiederholte.
„Nein“, schrie ich noch, aber es war zu spät.
Vater suchte den Kompromiss und er sagte: „Es geht.“
Oha! Meine Schwester und ich sahen es: Mit dieser Bemerkung hatte er die Zündschnur in Brand gesetzt. Die Funken sprühten und fetzten in rasender Geschwindigkeit über den Tisch, bis das Munitionslager in Mutters Mund explodierte. Worte wie Raketen flogen in Vaters Richtung und er kurbelte wie wild an seiner Flak (für Uneingeweihte: Flugabwehrkanone), bevor er seine Panzer über den Tisch rollen ließ. Aber schon hatte Mutter ihre Panzerfäuste in Stellung gebracht und schoss die Panzer einfach ab. Und schon jagten Tiefflieger schwer mit Bomben behangen auf Vater zu. Kurz erwog er die Kapitulation, kramte schon eine weiße Fahne heraus, da packte ihn der Stolz und er orderte seine Langstreckenbomber. Mutter grinste höhnisch aus ihrem Bunker, denn sie wusste, dass ihre Kriegsschiffe und Flugzeugträger Vaters Rückweg abgeschnitten hatten…
Dann kam es irgendwie zu Friedensverhandlungen.
Aber eins ist sicher: In einem Krieg gibt es keine Gewinner, nur Verlierer. So auch hier. Die gemütliche Weihnachtsstimmung war dahin und ließ sich auch durch Erreichen des Pegelstands der Glückseligkeit auf Vaters Seite und Auftragen von Salbe zur Behandlung von Brandblasen an Mutters Hand nicht mehr wiederherstellen.
Die beiden lasen später noch irgendeine Geschichte vom Fest der Liebe und so vor. Ehrlich gesagt, es mangelte ihnen beim Vorlesen etwas an der überzeugenden Begeisterung.
Aber auch heute nach fünfzig Jahren gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass an Weihnachten ein Lichtlein im Herzen aufgeht, von dem aus sich Freude ausbreitet, so dass Weihnachten das wird, was es schon immer sein wollte: Ein Freudenfest der Liebe.

 

3 Kommentare zu “Die Weihnachtsgans
  1. Sigrun Stiehl sagt:

    Diese schöne Geschichte lässt mich auch an unsere Weihnachtsessen, vor vielen Jahren bei meinen Eltern, erinnern! Wir waren auch alle am Tisch versammelt, es war alles gut geplant, der Wein für danach stand bereit und erst wenn Mutter am Tisch war, fing das Essen an. Jeder, meine 2 Brüder und ich und Vater und die Mutter, hatten den Weihnachtsbraten auf dem Teller: Rotkraut, Thüringern Klösse und der Kaninchenbraten. Das war bei uns Tradition und den Braten legte meine Mutter immer schon 1 Tag vorab in Buttermilch ein, damit er schön weich wurde. Auf alle Fälle waren wir, die 3 Kinder, immer sehr ruhig am Tisch. Es war lag schon etwas in der Luft, was wir damals aber noch nicht wussten. Mein Vater muss es aber immer geahnt haben, denn aus seinem Munde kamen an diesen Tagen – nur Lobesworte zum zubereiteten Essen. Egal was auch vorab schief lief oder wenn es sogar Mutter nicht so recht schmeckte und sie selbst ihre Arbeit bemängelte, fand es Vater immer gut und das ganze Tischgespräch drehte sich fast ausschliesslich um das Essen. Wir wunderten uns als Kinder und stimmten in die Lobesworte des Vaters mit ein! Er hatte die Gefahr erkannt und schon immer vorgebeugt und sich, nach dem Essen gleich mit dem Wein innerlich beruhigt, so vermute ich mal! Denn der Wein gehörte nach dem Essen dazu, schön kalt und da liess sich Vater nicht abbringen, ihn jedes Jahr zu servieren. Mutter trank keinen Wein, sie vertrug den Alkohohl nicht, die Galle ärgerte sie. Unser Fest der Liebe wurde noch vor ganz, ganz vielen Jahren von den Gesängen meiner Grossmutter begleitet, die neben dem Kachelofen sass und mit sehr hoher Stimme die Lieder hoch und runter trällerte! Das waren noch Zeiten, als sie lebte, mir fehlt die Großmutter, die mit einem grossen Koffer jedes Weihnachten, mit dem Zug angereist kam. Sie ist schon seit über 35 Jahren in einer anderen Welt und eines Tages werden wir uns treffen.

  2. Charlotte de la Pointe sagt:

    Die unbeliebte Weihnachtsgans

    Auch ich hatte vor mehr als 50 Jahren ein Erlebnis der etwas anderen Art: Als frischgebackenes Elternpaar in Amerika hatten wir unsere Freunde, die ebenfalls ihr erstes Kind zur Welt gebracht hatten, über Weihnachten eingeladen.
    Wie üblich, statteten wir gemeinsam einen Höflichkeitsbesuch bei meinen Schwiegereltern ab, während der Braten im Ofen – gut vorbereitet – auf kleiner Flamme seiner Vollendung harrte.
    Der Besuch zog sich unverhoffterweise über Stunden hin und ich fürchtete schon, ein vebranntes Etwas vorzufinden. Was soll ich sagen, die Weihnachtsgans war ein großartiger Schmaus. Noch Jahrelang blieb sie uns in Erinnerung. Nie wieder wiederholte sich diese Erfolgsstoryn. weder in den kommenden Jahren in England noch in Frankreich.
    In dankbarer Erinnerung an frühere Zeiten.

  3. Monika Tisowsky sagt:

    Ein Freudenfest der Liebe wünsche ich. =)
    Danke für die netten Berichte.

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