Die Perle

 

♦ Die Heimat der Muschel ist das Meer. Dort wächst sie in aller Stille und lebt den Rhythmus der Gezeiten. Sich öffnen, um sich vom Wasser durchströmen zu lassen und sich zu verschließen, um das weiche, zarte Fleisch durch die harten Schalen vor unliebsamen Eindringlingen zu schützen, sind zwei wesentliche Lebensfunktionen der Muschel.
Mitunter dringt aber ein Sandkorn in das weiche Fleisch der Muschel ein. Die Muschel wehrt sich natürlich gegen den unerwünschten Eindringling, aber nur in sehr passiver Weise. Schicht für Schicht legt sie edelstes Perlmutt um den eingedrungenen Fremdkörper. So entsteht nach vielen Jahren und vielen übereinandergelagerten Schichten die Perle.
Die Perle ist die geronnene Träne der Muschel.
In das weiche Fleisch des puren Lebens dringt bei jedem Menschen ein Fluch ein.
Niemand kann diesem Fluch entgehen oder ihn ungeschehen machen. Wie der Muschel bleibt auch dem Menschen nichts anderes übrig, als um diesen Fluch herum sein Edelstes zu legen: Sein Spiel. Rolle um Rolle, die er in dem großen einzigartigen Theaterspiel, das wir Leben nennen, spielt, legt er um seinen tiefen Schmerz, so wie die Muschel ihr Perlmutt um das Sandkorn. So erlöst sich der Mensch von seinem Fluch, daß er ihn durch sein Spiel veredelt. Mehr noch: Er setzt seiner Liebe ein Monument, das ihn überdauert – wie die Perle die Muschel.

(Aus: Johannes Galli, „GAME – Die Galli Methode®“)

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3 Kommentare zu “Die Perle
  1. Rainer sagt:

    Wohl dem, der seine Rollen gut spielt.

  2. Charlotte de la Pointe sagt:

    Annspruchsvolle höchste Poesie

  3. Pia Magdalen sagt:

    „Die Perle ist die geronnene Träne der Muschel“ist eine Formulierung, die mich beflügelt und mich nach meiner Perle suchen lässt.

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