Der Sprung

 

♦ So wie ein Gefäß, das einen Sprung hat, also undicht ist, so hat auch jede Geschichte, die erzählt wird, einen Sprung. Und so wie der Inhalt des Gefäßes aufgrund des Sprungs, aus dem die Flüssigkeit heraustropft, herausgefunden werden kann, so kann der eigentliche Inhalt einer Geschichte aufgrund dieses Sprungs festgestellt werden.
Genau dann, wenn die Geschichte einen Sprung hat, muss ein Sprung getan werden, um den wirklichen Inhalt zubegreifen. Immer, wenn Menschen eine Geschichte erzählen, gibt es Stellen, da stimmt etwas nicht, da wird ein falsches Wort gewählt, oder ein inhaltlicher Sprung findet statt, oder ein Wort wird falsch betont, oder da stimmen Gestik und Wort nicht überein, oder die Atmung stimmt nicht mit dem Blick überein usw. Kurz: Zu der erzählten Geschichte drängt eine andere Geschichte, eine unter dem Bewusstsein liegende Geschichte, die von einem größeren Wahrheitsgehalt ist als die oberflächlich erzählte.
Es ist wichtig, auf diese Sprünge zu achten, denn sie sind Wegweiser zur eigentlichen Geschichte, die aber auch wieder Sprünge aufweist, die wiederum auf die noch eigentlichere Geschichte hinweisen… Wer die wirkliche Geschichte eines anderen kennenlernen will, der ermuntert ihn, seine Geschichte sehr lebendig zu erzählen. Wichtig ist es dann nur noch, dem Drang, sich in die erzählte Geschichte hineinziehen zu lassen, zu widerstehen. Man achte auf die Sprünge! Wenn es gelingt, diese entdeckten Sprünge dem anderen einfühlend zu vermitteln, dann hilft man ihm wieder auf die Sprünge. Das gleiche gilt natürlich für sich selbst und die eigene Geschichte.

(Aus: Johannes Galli, „GAME – Die Galli Methode®“)

6 Kommentare zu “Der Sprung
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Eine lenenslange Suche nach dem Eigentlichen

  2. Simon sagt:

    So will der Erzähler eigentlich eine andere Geschichte erzählen, die er selbst nicht im Bewusstsein hat!

    Sehr, sehr gut!

  3. Renate Grossmann sagt:

    Ein langer Weg liegt vor uns – wir werden immer wahrer.

  4. Pia Magdalen sagt:

    Mich selbst beim Erzählen einer Geschichte einzubringen, ist ganz schön schwer, da ich gerne alles beschönige und damit mich selbst um die eigentliche Geschichte bringe. Also mein Gefäss hat viele Sprünge…

  5. Rainer Eckhardt sagt:

    Das ist genial und es ist alles andere als einfach, dem anderen „einfühlsam“ den Sprung zu vermitteln. Und noch schwerer, mir meinen eigenen Sprung zu vermitteln.

  6. Sigrun Stiehl sagt:

    Für mich erst einmal schwer, den eigenen Sprung in der Geschichte zu bemerken, oh, oh, oh, … beim Erzählen bin ich noch immer im Gefühl und in der Zeit, wo die Geschichte handelte, eine wirklich gute Übung, wach für den Sprung zu sein – den eigenen Sprung – mitzubekommen!!!

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