Der Letzte Lehrer: 8. Wie erkennt man Illusionen?

Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie eine Kunstausstellung besucht und sich anschließend auf einem nahegelegenen Platz in den Kreis
gesetzt. Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte. Da die Schüler wußten, wie wenig der Letzte Lehrer bedeutungslose Stille liebte, mühte sich ein Schüler und brachte eine Frage hervor, von der er wußte, daß sie den Letzten Lehrer begeistern würde: „Wie erkennt man Illusionen?“
Der Letzte Lehrer war begeistert, weil eine Frage gestellt worden war, auf die er ausführlich antworten wollte: „Es ist heutzutage eine große Schwierigkeit, über Illusionen zu sprechen, weil nahezu jeder selbst darin gefangen ist. Wer spricht schon gerne über das Gefängnis, wenn er selbst darin sitzt? Menschen, die ein Ziel erreichen wollen, das nicht ihr eigenes ist, laufen doch offensichtlich Illusionen hinterher. Der Religionsgründer des Christentums sagt: ‘An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.’ Also an der Wirkung seiner Arbeit erkennt man den Charakter eines Menschen. Nun möchte ich aber zur Frage, wie man Illusionen erkennt, Stellung nehmen: Das ist wie so oft sehr einfach. Wann immer man sich nicht sicher ist, ob das, was man tut, wirkliche Arbeit ist oder nur Illusionen sind, gibt es ein gutes Erkennungszeichen: Man beobachtet die Wirkung seiner Arbeit. Wirkliche Arbeit mündet immer in erkennbare Wirkung. Wenn das, was man tut, keine Wirkung zeigt, dann muß man sich ehrlich eingestehen, daß man Opfer seiner Illusionen geworden ist. Diese Frage nach der Wirkung seiner Arbeit ist wie ein Kompaß, der einem Orientierung gibt, wenn man einmal in den Strudel seiner Illusionen geraten ist. Die zentrale Frage also ist: Welche Wirkung zeigt das, was ich rede oder tue? Wenn die Wirkung offenbar wird, dann war es wirkliche Arbeit, wenn keinerlei Wirkung folgt, dann waren es Illusionen.“
Die Schüler blickten betroffen drein. Noch während der Letzte Lehrer gesprochen hatte, hatten sie gedanklich die Wirkung ihrer Taten überprüft und festgestellt, daß sie gering war. Dann hatten sie von einer weiteren Überprüfung ihrer Arbeit, oder was sie dafür hielten, abgesehen.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

 

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