Der Letzte Lehrer: 74. Blinde Flecken

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie auf einem Waldspaziergang eine alte Kapelle entdeckt. Diese Kapelle war schon fast eine Ruine. Vor der Kapelle war ein kleiner gepflasterter Platz. Auf den setzten sich der Letzte Lehrer und seine Schüler.
Nun saßen sie im Kreisund der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da fragte eine Schülerin: „Wieso haben wir alle solche großen Probleme mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit?“
Der Letzte Lehrer sprach mit ruhiger Stimme: „Jeder von euch verfügt leider nur über ein unvollständiges Wahrnehmungssystem. Eure Wahrnehmung ist wie ein buntes Kirchenfenster, doch bei jedem von euch fehlen einige der bunten Scheiben. Wenn zum Beispiel bei einem die rote Scheibe zerstört ist, so kann er ‚rot’ nicht wahrnehmen. Dort, wo die anderen rot sehen, sieht er grau. Die Verantwortung hierfür tragen jene Menschen, die euch erzogen haben. Sie haben euch die Scheiben zerschlagen, als sie bemerkt haben, dass ihr mehr wahrnehmen konntet als sie. Die Erzieher halten an ihrem Bild, wie die Welt zu sein hat, fest. Nun kommt das Kind und nimmt Dinge wahr, die die Erzieher nicht wahrnehmen können. Doch die Erzieher wollen nicht von den Kindern lernen, denn sonst müssten sie erkennen, dass ihr Leben falsch ist. Aus diesem Grund schlagen die Erzieher bei den Kindern jene Scheiben kaputt, die bei ihnen selbst kaputt sind. Sie wollen nicht, dass die Kinder mehr wahrnehmen können als sie. Und das nennen sie Erziehung. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, euch zu helfen, eure Scheiben in mühsamer Arbeit wieder zusammenzusetzen. Doch ihr gebt mir kaum Hinweise, was euch fehlt und was ihr braucht. Jeder will seine Scherben für sich behalten und niemanden dranlassen. So bleibt euer Weltbild das eurer Erzieher. Keiner von euch versucht einen neuen Blickwinkel einzunehmen, sondern jeder von euch behält den blinden Fleck, den eure Erzieher euch geschlagen haben.“
Die Schüler taten sich selbst leid, dass ihnen blinde Flecken geschlagen worden waren. Keiner aber hatte den Hinweis des Letzten Lehrers wahrgenommen, dass sie mit seiner Hilfe ihre Scherben wieder zu einem vollständigen Mosaik zusammensetzen könnten.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

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