Der Letzte Lehrer: 7. Verdrängen

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie Übungen gemacht, in denen sie ihr Beobachtungsvermögen hatten stärken wollen.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Die allgemeine Laune war etwas trübe, da viele müde waren. Da fragte eine Schülerin in die erwartungsvolle Stille hinein: „Wie funktioniert eigentlich Verdrängen?“
Der Letzte Lehrer blickte überrascht auf und war erfreut über diese Frage, die davon zeugte, daß die Schülerin an sich arbeiten wollte.
So antwortete der Letzte Lehrer: „Wir sind daran gewöhnt, die Dinge und Menschen um uns herum so zu beobachten, als ob sie auf uns nicht wirkten. Und vor allem, als ob wir auf sie nicht wirkten. Wir haben die Fähigkeit entwickelt, uns aus der Situation auszuschalten. Verdrängung geschieht dadurch, daß ich die Wahrnehmung für mich selbst ausschalte, indem ich mich selbst nicht beobachte. Denn würde ich mich so genau beobachten, wie ich andere beobachte, bei denen mir immer alles Negative sofort auffällt, dann könnte ich herausfinden, wer ich wirklich bin! Der Mensch aber hat die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten, nicht weiterentwickelt, denn sonst würde er mit einigen Charakterzügen konfrontiert werden, die er gar nicht kennenlernen will, da er sie in sein illusionäres Selbstbild nicht integrieren könnte. Genau auf diese Weise geschieht Verdrängung: Ich beobachte andere Menschen, oder aber ich beobachte eine Situation, ohne mich selbst in dem Geschehen wahrzunehmen. Mich selbst beobachte ich nicht, sondern verdränge meine Anwesenheit und also auch meine Wirkung auf die Situation, die ich beobachte. Da diese Angewohnheit tief im Menschen verwurzelt ist, kann der Mensch sich selbst nicht beobachten und so auch nicht erkennen. Aus diesem Grunde sucht man sich einen Lehrer, der einen warmherzig und streng und genau beobachtet und diese Beobachtung klar mitteilt.“
Der Letzte Lehrer schwieg und blickte aufmerksam in die Runde seiner Schüler und Schülerinnen. Er erwartete nun Fragen der einzelnen darüber, was er als Lehrer bei ihnen beobachtet habe, doch die Schülerinnen und Schüler blickten betreten zu Boden. Sie wollten die Beobachtungen des Letzten Lehrers nicht erfahren.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

 

 

Veröffentlicht unter Blog, Der Letzte Lehrer

Radiointerview des Österreichischen Rundfunks (Ö1) vom August 2011

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