Der Letzte Lehrer: 5. Was geschieht beim Lernen?

Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie einen Spaziergang durch die Vorstadt gemacht und waren an einer großen Berufsschule vorbeigekommen. Aus den offenen Fenstern war viel Lärm nach außen gedrungen. Dort fand eine hitzige Diskussion zwischen Lehrer und Schülern statt. Amüsiert waren sie stehengeblieben und hatten dem Streitgespräch zugehört. Später hatten sie in einem kleinen Park eine Wiese gefunden, wo sie sich in den Kreis setzen konnten.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Ein Schüler fragte gleich: „Was geschieht eigentlich beim Lernen?“
Der Letzte Lehrer sprach gerne über das Lernen, denn es war eines seiner wichtigsten Themen. Also sprach er: „Das Lernen ist ein schwieriger Prozeß, den wir aber verstehen müssen: Das höhere Bewußtsein verwandelt sich in das niedere Bewußtsein und zwingt es von dort aus an seine Grenze und darüber hinaus. Mit anderen Worten, der Lehrer verwandelt sich in den Schüler, um zu wissen, wo genau sich der Schüler bewußtseinsmäßig befindet. Wenn er diesen Punkt herausgefunden hat, dann treibt der Lehrer den Schüler weiter vorwärts und zwingt ihn, neue Eindrücke zu sammeln, neue Erfahrungen zu machen und in sein Bewußtsein zu integrieren. Dieser Prozeß ist für beide Seiten sehr anstrengend und kostet sehr viel Kraft. Aber es ist der einzige Prozeß, den wir wirkliches Lernen nennen dürfen. Aus dem Glauben, daß Lernen nicht nur möglich ist, sondern sogar Kosmische Pflicht ist, gewinnt das Lernen einen völlig neuen Aspekt. Lernen ist lebensnotwendig. Wer nicht mehr lernt, ist tot. Wann immer ein höheres Bewußtsein auf ein niederes Bewußtsein trifft, hat das höhere Bewußtsein die unbedingte Pflicht zu lehren und das niedere Bewußtsein die unbedingte Pflicht
zu lernen.“
Der Letzte Lehrer machte eine gewichtige Pause, blickte die Schüler an, die aber größtenteils wegblickten, und endete dann mit den Worten: „Es ist also meine unbedingte Pflicht zu lehren und eure unbedingte Pflicht zu lernen.“
Völlig unerwartet begann ein Schüler lächelnd zuzustimmen, denn er hatte verstanden, daß es die Pflicht des Schülers sei, unbedingt zu lehren.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

 

Veröffentlicht unter Blog, Der Letzte Lehrer

Radiointerview des Österreichischen Rundfunks (Ö1) vom August 2011

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