Der Letzte Lehrer: 32. Wenige Wahrheitssucher

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie einen Spaziergang gemacht und die heilende Kraft der Natur in sich aufgenommen. In der Ferne hatten sie einen Kuckuck gehört.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da fragte ein Schüler: „Wieso gibt es so wenige Wahrheitssucher? Müssen sie einen zu hohen Preis zahlen?“
Der Letzte Lehrer nickte bedächtig und sprach: „Der Preis für den Wahrheitssucher ist Einsamkeit. Der Wahrheitssucher wird sich mit aller Kraft, die er hat, gegen die Gesellschaft, in der er lebt, stemmen müssen. Denn durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sind alle mir bekannten Gesellschaften, die heute existieren, Opfer gewaltiger Illusionen. Wie Seifenblasen werden diese Illusionswelten eines Tages zerplatzen, dann wird Jammern und viel Wehgeschrei herrschen. Doch zurück ins Heute! Die Devise überall heißt: Spaß um jeden Preis. Wenig Arbeit, viel Freizeit, hoher Luxus, wenig Verantwortung. Das haben sich heute die Gemeinschaften auf der ganzen Welt auf die Fahne geschrieben. Daß die hemmungslose Ausbeutung der Natur sich eines Tages rächen wird, wird immer noch trotz wissenschaftlicher Beweise aggressiv verdrängt. Die Gesellschaft ist bislang noch recht erfolgreich und reich. Die Erfahrung von jahrhundertelanger Ausbeutung reicht noch für einige Jahrzehnte. Der Wahrheitssucher wird gegen den Strom schwimmen müssen. Es wird nur wenigen gelingen, denn wenn ihr schon einmal in einem Fluß gegen den Strom geschwommen seid, dann wißt ihr, wie anstrengend das ist und wie entspannend es ist, sich treiben zu lassen. Aber gegen den Strom zu schwimmen ist die einzige Möglichkeit, sich dem Rausch der Gesellschaft zu entziehen. Aber: Alleine wird es keiner schaffen. Erst wenn sich mehrere Wahrheitssucher zu einer Kette zusammenschmieden würden, bestünde eine Chance.“
Der Letzte Lehrer schwieg und dachte eigentlich ganz wohlgemut, daß wenn all seine Schüler wirklich die Wahrheit suchen würden, sie bereits eine mächtige Kette bilden könnten. Doch suchten sie wirklich die Wahrheit? Keiner der Schüler blickte dem Letzten Lehrer in die Augen.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

2 Kommentare zu “Der Letzte Lehrer: 32. Wenige Wahrheitssucher
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Eine düstere Welt empfängt den Wahrheitssuchenden allein

  2. Rainer Eckhardt sagt:

    Wie gerne wäre ich ein guter Schwimmer und wie wenig habe ich dafür trainiert.

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