Der Letzte Lehrer: 295. Fehlinvestition der Gefühle

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie in einer Gastwirtschaft wie so oft die Abendnachrichten angeschaut, denn der Letzte Lehrer liebte es, mit seinen Schülern über das Weltgeschehen zu sprechen. Da aber im Anschluß an die Nachrichten ein weltberühmter Film gezeigt worden war, hatten die Schüler den Letzten Lehrer überredet noch dazubleiben und mit ihnen den Film anzusehen. Bereits nach wenigen Minuten hatten die Schüler kaum ihre Tränen zurückhalten können. Zu viel Liebesschmerz war im Film dargestellt worden! Da hatte der Letzte Lehrer den Filmgenuß abgebrochen und die Schüler ins Nebenzimmer in den Kreis gebeten.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Eine Schülerin fragte: „Warum ergreift uns ein fremdes Schicksal so außerordentlich?”
Angriffslustig antwortete der Letzte Lehrer: „Weil wir selbst kein eigenes Schicksal wahrnehmen. Wir nehmen nur noch andere Schicksale wahr. Die Filmindustrie hat die Aufgabe, Filme zu produzieren, die uns fesseln. Sie brauchen unsere unbedingte Aufmerksamkeit und sie machen sich eine fundamentale menschliche Schwäche zunutze: Der Mensch findet alles das, was anderen geschieht, tausendmal spannender als das, was ihm selbst geschieht. Er ist der unbedingten Meinung, das Leben finde bei anderen statt und niemals bei ihm selbst. Er empfindet sich selbst als Randfigur, als Statist im großen Spiel des Lebens. Die Hauptrolle spielen andere. Und diesen anderen geschehen dann die wirklichen Schicksalsschläge wie Verlust des Liebsten, Verlust der Ehre und Würde, Intrigen, Lug und Betrug, kurzum, jene Illusionsmischung, die uns hochdramatisch vorgaukelt, so wäre das Leben. Und so geschieht Unfaßbares: Wir sehen die Filme, die von Schauspielern gespielt dramatische Schicksale zeigen, und das Schicksal von wirklichen Menschen, die in Kriegen und Unfällen verstümmelt und getötet werden, läßt uns völlig kalt, weil wir es gar nicht wahrnehmen wollen. Wenn eine Ehefrau im Film verlassen wird, weinen wir, wenn Kinder verhungern, blicken wir weg. Die Welt steht wirklich auf dem Kopf.“
Die Schüler hatten teilweise dem Letzten Lehrer zugehört, verhielten sich aber mucksmäuschenstill, um den Filmverlauf aus dem Nebenzimmer zumindest akustisch weiterverfolgen zu können.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer III – 108 Momente der Weisheit“)

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