Der Letzte Lehrer: 217. Flucht vor der Tiefe

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie beschlossen, die vor einiger Zeit niedergelegte Theaterarbeit wieder aufzunehmen. Doch beim Gespräch zur Organisation ihrer ersten Aufführung hatten die Schüler den Letzten Lehrer mit unwichtigen Fragen provoziert. So hatte er die Sitzung abgebrochen.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Eine Schülerin fragte: „Ich verstehe das nicht, auf der einen Seite forderst du uns immer auf, Fragen zu stellen, und wenn wir dann Fragen stellen, ärgerst du dich über die banalen Fragen, die wir stellen.“
Der Letzte Lehrer zügelte sich und antwortete in Maßen geduldig: „Es wäre für euch sehr günstig, wenn ihr eure Selbstbeobachtung verschärfen würdet. Wann immer ich euch Raum gebe, um Fragen zu stellen, deren Beantwortung euch bewußtseinsmäßig weiterbringen soll, stellt ihr mir hingegen immer wieder Fragen aus euren Arbeitsbereichen, die ihr ohne weiteres selbst durch intensives Nachdenken lösen könntet. Ich aber bin genau an jenen Fragen inte­ressiert, die ihr selbst nicht lösen könnt. Fragen, bei denen ihr unsicher und ängstlich seid, weil ihr eben die Antwort nicht kennt und also auch negative Überraschungen möglich sind. Fragen, die euer Selbstbild in Frage stellen. Diese Fragen reichen in eure seelischen Tiefen hinein. Aber genau diese Fragen verweigert ihr. Ich finde mich auf einmal in der Rolle eures Angestellten wieder, der eure Arbeit erledigen muß. Aber was sind sinnvolle Fragen? Im besten Fall stellt ihr Fragen über Gefühle und Blickwinkel, die nicht mit eurem Selbstbild zusammenpassen. Dann besteht für mich als Lehrer die Möglichkeit, euch zu konfrontieren, und – ob ihr wollt oder nicht – ihr müßt ein neues Selbstbild kreieren. Nehmen wir ein Beispiel: Du glaubst, du habest einen friedliebenden Charakter. Dann kommt es zu einer sehr aggressiven Auseinandersetzung mit einem Kollegen. Wenn du mir nun die Frage stellst, warum das so ist, habe ich als Lehrer die Möglichkeit, dir nachzuweisen, daß du gar keinen friedliebenden Charakter hast, sondern ein sehr aggressiver und unzufriedener Mensch bist. Nun mußt du, ob du willst oder nicht, dein Selbstbild verändern, also dein Bewußtsein über dich selbst verändern, und genau dies ist mein Ziel.“
Die Schüler waren größtenteils immer noch trotzig, auf jeden Fall aber verwirrt. Was sollten sie denn nun fragen? Man konnte es dem Letzten Lehrer aber auch mit keiner Frage recht machen.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer III – 108 Momente der Weisheit“)

5 Kommentare zu “Der Letzte Lehrer: 217. Flucht vor der Tiefe
  1. Heidi Hinrichs sagt:

    ‪Oh, wie oft stelle ich mir die quälende Frage: Was wäre die gute Frage? Wann ist der gute Moment für eine Frage? Und schwups ist der Moment schon wieder vorbei… Manchmal frage ich mich, wie oft ich eine Erfahrung machen muss, bis ich etwas daraus lernen kann. ‬

  2. Charlotte de la Pointe sagt:

    Der Wille, die Lehre eines Weisheitslehrers ernsthaft zu studieren muß eisern trainiert werden, der bei den meisten verkorksten Egomanen einfach nicht für nötig befunden wird. Ihre Devise: Wir wissen doch alles besser

  3. Sigrun Stiehl sagt:

    Bei meinen Abend-Nachtfahrten im Auto, durch Thüringen von Ort zu Ort (Erfurt und Weimar) machte mir Angst, eine Art kriminelle Energie, die hier schwebt – und ich dachte, Mo-Abend, 21 Uhr, wenn jetzt eine Gruppe kommt, vor das Auto springt und es anhält – bekomme ich eine über die Rübe (und das Auto geht ins Ausland), schnell kann alles vorbei sein. Es sind seltsame Gedanken, vielleicht haben sie auch mit dem Tod von Antje zu tun, dass er so nah sein kann, täglich … oder/und der ganze Kulturmix, naja, wir lebten eingesperrt – jetzt ist alles möglich, als ob alles schwindet, das Eis dünner wird.

  4. reckhardt sagt:

    Im Trotz kenne ich mich aus, besser als im Leben. Leider.

  5. Claudia Raab sagt:

    Ein weiser Leherer fragt sich stets als Erstes, warum seine Schüler ihre persönlichsten Lebensfragen ihm nicht anvertrauen!

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