Der Letzte Lehrer: 19. Die Emotionsschleife

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie in freier Natur meditiert.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da meldete sich eine Schülerin zu Wort. Schüchtern erklärte sie: „Manchmal laufen meine Gefühle wie ein Automatismus ab. Ich will sie gar nicht fühlen, aber dennoch laufen sie ab und ich kann sie nicht mehr bremsen.“
Der Letzte Lehrer blickte sie an und sprach: „Das, was du da beschreibst, nenne ich nicht Gefühle, sondern das sind Emotionen.“
Die Schülerin blickte den Letzten Lehrer erstaunt an. Da fuhr dieser erläuternd fort: „Emotionen sind alte Gefühle. Gefühle haben wir Menschen, um etwas zu fühlen, um in einer Situation die Summe unserer Sinne zu einem immer neuen Bild zusammenfließen zu lassen. Emotionen aber sind alte Gefühle, die früher einmal in bestimmten Situationen entstanden sind. Weil wir diese Situation nicht verarbeiten konnten, haben wir sie als Emotionen abgespeichert. Und wie eine Kuh wiederkäut, so kommen uns diese Emotionen immer wieder hoch. Sie haben aber mit der aktuellen Situation nichts zu tun. Aber fragen wir doch einmal nach dem Vorteil dieser Emotionen oder um ein noch schöneres Wort zu kreieren: Die Emotionsschleife. Wenn sich der Mensch in einer solchen Emotionsschleife befindet, fühlt er etwas, was er schon tausend Mal gefühlt hat. Was ist also der Vorteil, wenn der Mensch diese Emotionsschleife aktiviert? Der Mensch erkennt sich selbst an dieser Emotionsschleife. Wann immer die Emotionsschleife erscheint, weiß der Mensch: Das bin ich, so bin ich. Zwar hat diese Emotionsschleife keinen Wahrnehmungswert, aber sie hat einen Wiedererkennungswert für den Menschen. Da der Mensch fürchtet, sich in der aktuellen Situation zu verlieren, erinnert er sich lieber an seine Emotionsschleife, als die neue Situation wahrzunehmen. Nimmt der Mensch eine solche Emotionsschleife als Handlungsgrundlage, dann wird natürlich seine Handlung nicht die Wirklichkeit erreichen und er läuft wie so oft in seinem Leben in die Irre.“
Die angesprochene Schülerin blickte betrübt zu Boden, denn im Moment schien es ihr eine schier unlösbare Aufgabe, ihre Emotionsschleife, in der sie feststeckte, zu durchbrechen.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

Ein Kommentar zu “Der Letzte Lehrer: 19. Die Emotionsschleife
  1. Michael Wenk sagt:

    Ein Freund hat mir Unrecht getan. Ich habe mich sehr darueber geaergert. Das ist jetzt 5 Jahre her.
    Wenn ich diesen Freund heute wiedertreffe, kommt mir sofoert in den Sinn: „du hast mir Unrecht getan!“, seine Entschuldigung habe ich ueberhoert.

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