Der Letzte Lehrer: 17. Am Bewusstsein vorbei

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie auf einem Volksfest einige Zeit verbracht und die Menschen dort aufmerksam beobachtet. Dann hatten sie sich in der Nähe eine Wiese gesucht, um ihre Eindrücke zu verdauen.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da fragte ein Schüler: „Oft sagst du, wir leben am Bewußtsein vorbei. Was meinst du damit?“
Da antwortete der Letzte Lehrer: „Viele Menschen leben am Bewußtsein vorbei. Das kann man einfach herausfinden, wenn man sie nach dem fragt, was sie gerade getan haben. Sie essen zwischendurch und bemerken gar nicht, daß sie gegessen haben. Sie rauchen zwischendurch, ohne es zu bemerken. Der Mensch benutzt unklare Worte, um vor sich selbst die Wirklichkeit geheimzuhalten. Er sagt zum Beispiel, er wisse noch nicht, ob er komme, und jeder weiß, daß er nicht kommen wird. Ich hörte sogar von einem jungen Mädchen, das schon Sex hatte, aber sich nicht erinnern konnte, weil sie sturzbetrunken war. So macht es der Mensch: Er erhält sein moralisches Eigenbild aufrecht und seine eigene Wirklichkeit läßt er nur in kurzen Momenten, meist unter Drogen, aufblitzen, um diese Momente des eigenen unschönen Verhaltens gleich wieder zu vergessen.
Die Ursache hierfür ist die starke Moral, die in uns implantiert wurde. Da wir uns an die moralischen Gesetze nicht halten können, schalten wir kurz unser Bewußtsein aus, tun, was wir nicht lassen können, dann schalten wir das Bewußtsein wieder ein und glauben dann, wir wären unschuldig geblieben. Die Sünde und das moralische Gesetz in uns leben nebeneinander her und versuchen sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Es sieht so aus, als ob wir so lange diese Doppelmoral leben wollten, bis wir so gespalten sind, daß wir uns an unsere andere, dunkle Seite, die wir nicht wahrhaben wollen, gar nicht mehr erinnern können. Die Menschheit ist viel schizophrener, als sie wahrhaben will.“
Die Schüler dachten zustimmend, man könne doch nicht beides gleichzeitig tun, und beschlossen, sich in Zukunft mehr mit ihren dunklen Seiten zu konfrontieren. Kaum hatten sie diesen Gedanken gedacht, da hatten sie auch schon wieder vergessen, womit sie sich eigentlich hatten konfrontieren wollen.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

Veröffentlicht in Blog, Der Letzte Lehrer
3 Kommentare zu “Der Letzte Lehrer: 17. Am Bewusstsein vorbei
  1. Das kenne ich gut. So oder so ähnlich spielt es sich in meinem Leben ab. „Wo habe ich denn meinen Teller hingestellt?“ Such, such. „Was, ich habe ja schon gegessen. Oh Gott, das habe ich gar nicht mitbekommen.“

  2. Michael Wenk sagt:

    Das erinnert mich an meinen Fahrstil, überall will ich mich noch schnell reindraengeln. Ein Lastwagenfahrer will das verhindern und weil keiner nachgibt, faehrt er mir schließlich hinten drauf. Nur ein kleiner Schaden, dennoch sichtbar. Die Polizei sagt mir, bis 18. Des Monats soll ich nachfragen, da werden sie die Schuldfrage geklaert haben. Es ist 12 Tage drueber, aber ich habe noch nicht nachgefragt. Ich merke in mir eine Stimme: ach vergiss doch das Ganze. Es koennte ja rauskommen, dass ich der boese war.

  3. Renate Grossmann sagt:

    Ich sitze bereits im Auto will gerade losfahren dann überkommt mich Panik: Habe ich die Kerze ausgeblasen? Sind die Fenster geschlossen? Ist die Herdplatte aus? Also nochmals in die Wohnung hoch, ich wohne im 4. Stock wohlgemerkt kein Aufzug im Haus, und prüfe alles .Das Ende vom Lied ich komme mal wieder zu spät zum Termin.

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