Der Letzte Lehrer: 16. Der Hauptfehler

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie Übungen durchgeführt, die das Bewußtsein erhöhen sollten. Nach einer Weile erschlafften die Schüler und der Letzte Lehrer lud sie zu einer gemeinsamen Pause ein.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da fragte ein Schüler den Letzten Lehrer: „Stimmt es wirklich, daß jeder Mensch für seinen eigenen Hauptfehler blind ist?“
Der Letzte Lehrer sprach: „Anstelle einer vorschnellen Antwort möchte ich euch eine Beobachtung mitteilen. Wir alle kennen Asterix und Obelix, die seit sehr vielen Jahren den Markt der Comic-Hefte dominieren. Diese Geschichte dreht sich um ein gallisches Dorf, das der römischen Invasion widersteht. In jedem dieser Hefte, die ich als junger Mensch mit großer Freude gelesen habe, erscheint immer wieder der gleiche Witz, und immer wieder erfreuen sich die Leser so daran, als ob sie ihn zum ersten Mal lesen würden. Obelix, ein sehr dickes Mitglied der keltischen Dorfgemeinschaft, ist in jedem Heft immer wieder aufs Neue erstaunt, wenn ein Römer fragt: ‘Wer ist der Dicke dort hinten?’. Als nächstes sehen wir das fragende Gesicht von Obelix, der fragt: ‘Wer ist hier dick?’ Allein die Tatsache, daß dieser Witz in nahezu jedem Folgeheft ohne wesentliche Abwandlung immer wieder erscheint, und auch die Tatsache, daß jeder darüber immer wieder lacht, zeigt, daß ein tiefes Wissen in jedem von uns darüber besteht, daß jeder andere Mensch wohl unseren Hauptfehler sofort erkennt, wir selbst aber nicht. Wir haben die unglaubliche Fähigkeit entwickelt, den Hauptfehler, auch wenn er noch so offensichtlich ist, völlig auszublenden. Wenn wir das eben Gesagte besser verstehen wollen, so stellen wir uns die folgende Frage: Wenn ich zu dick bin, was mache ich dann lieber: Sehe ich mir einen Film an, in dem schlanke, attraktive Menschen in einer Geschichte mit einem dicken Menschen spielen, und lache mit den Schlanken und Attraktiven gemeinsam über den Dicken oder aber beginne ich eine schweißtreibende Arbeit an mir selbst und quäle mich durch ein leidvolles Abmagerungsprogramm?“
Die Schüler blickten den Letzten Lehrer nicht an. Sie wollten ihn lieber nicht über ihren Hauptfehler befragen, denn dann würde er ihnen eine Antwort geben, die harte Arbeit bedeuten würde.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

Veröffentlicht in Blog, Der Letzte Lehrer
8 Kommentare zu “Der Letzte Lehrer: 16. Der Hauptfehler
  1. Katinka sagt:

    Oh wie wahr! Es ist so schön einfach in die Illusionen abzutauchen und nichts tun zu müssen. Die harte Arbeit an sich selbst beginnt erst mit einer eigenen Vision.
    Toller Text!!! Ich merke schon, statt über mich nachzudenken erwäge ich mir ein paar Asterix Filme runterzulassen 😉

  2. Charlotte de la Pointe sagt:

    Der letzte Lehrer im Umfeld seiner, dkie Weisheit suchenden Schüler.
    Ein magisches ERLEBNIS 1

  3. Heidrun Ohnesorge sagt:

    Eine Schülerin notierte sich ihren Wunsch, den letzten Lehrer nach ihrem Hauptfehler zu befragen und hoffte ihr Notizbuch beim nächsten Zusammentreffen auch zur Hand zu haben.

  4. Rainer Eckhardt sagt:

    Für die Frage braucht es einen kurzen Moment Mut und für die Antwort lange Jahre Arbeit. Hab ich die Kraft dafür?

  5. Viviane Hanna sagt:

    Ich sehe mich wie Obelix. Oft werde ich auf meinen Hauptfehler aufmerksam gemacht, doch ich fühle mich nicht angesprochen. Ich habe all die Jahre gelernt, mein Hauptproblem sehr gut vor mir selbst zu verbergen. Deine Geschichte sagt ja, durch harte Arbeit könnte man seinen Hauptfehler bearbeiten. Das gibt Hoffnung.

  6. Pia Magdalen sagt:

    Ich verberge meinen Hauptfehler so: Ziehe mich zurück und schweige beharrlich damit keiner meine einfachen, um nicht zu sagen peinlichen Gedanken, zu hören bekommt und somit halte ich ein Bild von mir aufrecht, was keinen doch so wirklich interessiert. Waa nützt mir die Verstellung?

  7. Sigrun Stiehl sagt:

    Oh, oh, oh, den Hauptfehler, anzunehmen – das ist schon ein Stück Arbeit, bei mir kommen gleich gute Ausreden und Beschwichtigungen, damit keine Veränderung geschehen kann. Gute Ideen zur harten Arbeit sind genug da, ich starte ein Programm, kurz nur und breche es wieder ab oder komme erst gar nicht zum Starten des Programmes und bleibe in den Gedanken dazu hängen, schade!!!

  8. Michael Wenk sagt:

    Ich bin ein Mensch der zu dick ist. Jeden Tag mahnt mich die Treppe, sie doch zu benutzen. Glücklicherweise wohne ich im 4. Stock. Neulich hat mir jemand von der Venenpumpe erzählt, sie beugt Krampfadern vor, aber man muss Treppensteigen.
    Nun habe ich jeden Tag, wenn ich das Haus verlasse oder heimkomme, einen interessanten inneren Dialog: „Soll ich den Aufzug nehmen?“ „Nein, denk an die Venenpumpe!“ „Aber ich habe doch einen Koffer und eine Tasche!“ „Umso besser für die Venenpumpe!“ „Die nervt, die Venenpumpe!“…Momentan steht es 70% Treppenlaufen zu 30% Aufzug fahren, aber wie wir aus der Geschichte oben wissen, wird sich das aufgrund des blinden Flecks bald wieder ändern. Michael

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