Der Letzte Lehrer: 126. Der Geist als Bibliothekar

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie auf einer Waldlichtung Bewußtseinsübungen gemacht. Sie hatten sich selbst vorgestellt, ein Baum zu sein. Viele Schüler hatten Schwierigkeiten gehabt, diese Übung durchzustehen. Nachdem sie immer unruhiger geworden waren, hatte der Letzte Lehrer sie in einen Kreis gebeten. Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da fragte eine Schülerin: „Es war so: Meine Gefühle wurden immer stärker und ich konnte meinen Körper beim besten Willen nicht mehr zwingen still zu stehen. Wieso war das so?“
Der Letzte Lehrer lachte: „Damit du die Zusammenhänge besser verstehst, will ich dir ein Bild liefern. Dein Körper ist eine Bibliothek. Deine Gefühle sind die Fotografien, Bilder, Filme, Texte und Tonträger, die als Summe deiner Erfahrungen in deiner Bibliothek gelagert und geordnet sind. Der Geist ist der Bibliothekar, der die Erfahrungsschätze im Auftrage deines Bewußtseins herbeibringt.
Der Idealzustand: Ein gut bewegter, gesunder, gut durchbluteter Körper entspricht einer guten Bibliothek, ideal abgedunkelt, staubfrei, wohl temperiert, die den gesammelten Erfahrungsschätzen eine optimale Heimat ist. Die Gefühle entsprechen den Erfahrungsschätzen, so daß vom Geist, das ist der Bibliothekar, in kürzester Zeit zu einem Thema viele Informationen herbeigeholt werden können. Nun befinden sich aber nicht viele Menschen im Idealzustand. Oft ist der Körper faul, untrainiert, kaum bewegt und krank, das heißt, die Bibliothek hat schlechte Luft, ist verstaubt, mal zu kalt und mal zu heiß, kein Ort, an dem man sich gerne aufhält. Die Fotografien, Bilder, Filme, Texte und Tonträger sind schlecht geordnet, liegen in Kisten und Kartons, manche haben sogar falsche Aufschriften. Der Geist ist verschwommen und unklar und entspricht einem Bibliothekar, der, wenn überhaupt, Anordnungen nur außerordentlich unwillig und schlampig durchführt.“
Schnell und sehr unbedacht fragte die Schülerin: „Und was kann ich dagegen tun?“
Scharf antwortete der Letzte Lehrer: „Diese Frage stellen immer jene, die nichts tun wollen.“
Unter den Schülern bildete sich sofort Widerstand gegen den Letzten Lehrer, weil der so abweisend auf die Frage der Schülerin geantwortet hatte.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer II – 108 Momente der Weisheit“)

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