Der Letzte Lehrer: 122. Gerede

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten die Schüler sich in Diskussionen verstrickt, und so hatte der Letzte Lehrer die Schüler angetroffen, als sie gerade in mehreren kleinen Gruppen in hitzige Gespräche vertieft waren. Der Letzte Lehrer hatte laut in die Hände geklatscht und gesagt: „Schluß mit dem Gerede, an die Arbeit!“
Die Schüler waren daraufhin ein wenig verstört auseinandergegangen und hatten sich erst eine Weile später wieder im gemeinsamen Kreis versammelt.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte. Da fragte eine Schülerin: „Warum nennst du unsere Diskussionen, die wir führen, Gerede?“
Streng antwortete der Letzte Lehrer: „Weil es Gerede ist! Ich will euch auch gleich erläutern, was ich unter dem abfälligen Begriff Gerede verstehe. Ich nutze das Wort Gerede für folgenlose Gespräche. Ich meine damit Gespräche ohne Konsequenzen, und genau das ist eure Wirklichkeit: Eure Gespräche haben keine Folgen und also sind sie Gerede. Jedes Gespräch, damit es ein wirkliches Gespräch ist, hat eine Tat zur Folge, zumindest aber einen Beschluß! Wenn also ein Gespräch weder eine Tat noch einen Beschluß zur Folge hat, dann ist das Gerede. Manche von euch fühlen sich während eines solchen Gesprächs sehr wohl. Die Stimme und die Stimmung, alles klingt nach Arbeit und man hat das wunderschöne Gefühl, etwas zu tun. Aber leider täuscht das. Das Gespräch, häufig noch unter Kaffee-Einfluß und unter Fett- und Zucker-Einfluß, ich meine Kuchen, bewirkt eine gemütliche, kommunikative Stimmung. Man schmiedet Pläne, diskutiert aufgeregt Projekte und erwägt begeistert verschiedene Möglichkeiten. Aber dann folgt weder Tat noch Beschluß. Das Gespräch verplätschert. Man hat genügend Übereinstimmung gefunden, um jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen, und es entsteht eine satte, wohlige, zufriedene Stimmung. Und also ist das Gespräch im Nachhinein enttarnt als Gerede. Langfristig hat das Gerede einen schädlichen Einfluß auf den Charakter, denn am Ende glaubt ihr gar nicht mehr, daß der wirkliche Sinn des Wortes darin besteht, Vorbereitung für die Tat zu sein.“
Die Schüler fühlten sich geschimpft und wollten sich über dieses sehr unangenehme Gefühl in der nächsten Pause ausgiebig austauschen.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer II – 108 Momente der Weisheit“)

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