Der Letzte Lehrer: 12. Die Arbeit an sich selbst

Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie bei einem unbeschwerten Spaziergang einen See umrundet. Zum Ende hin waren sie in dem kleinen See schwimmen gewesen und hatten sich dann von der Sonne trocknen lassen.Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Ein Schüler hatte eine Frage und meldete sich zu Wort: „Was bedeutet eigentlich ‘Arbeit an sich selbst’? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.“
Der Letzte Lehrer nickte erfreut, weil er einfache Fragen liebte, und er antwortete sogleich: „Die Arbeit an sich selbst ist die wichtigste Aufgabe des Menschen. Durch dramatische Vereinsamung haben sich bei vielen Menschen viele Illusionen in ihrem Charakter festgesetzt. Das Ergebnis ist, daß sie Wirklichkeit nicht mehr von ihren Illusionen unterscheiden können: Also sind sie gezwungen, an sich selbst zu arbeiten. Die Arbeit an sich selbst beginnt damit herauszufinden, was die eigene Aufgabe ist. Erst dann können wir von dem Versuch sprechen, sich dem wirklichen Leben anzunähern. Die Arbeit an sich selbst beginnt einfach: Man gibt sich eine Regel. Zum Beispiel: Der Mensch steht jeden Morgen um sieben Uhr auf, setzt sich vor eine Kerze, entzündet sie und schaut eine Minute lang in die Flamme. An diese Regel muß sich der Mensch von nun an konsequent halten. Er muß in der Lage sein, eine einzige Minute des Tages das Leben zu beherrschen. Einmal am Tag muß er stärker sein als das Leben selbst. Eine Minute am Tag muß er das Leben zwingen! Meistens aber ist es so: Der Mensch kann die Regel nicht halten! Irgendwann muß er sie brechen, irgendwann ist das Leben stärker als er. Es geht auf keinen Fall darum, daß der Mensch sich nun ärgert oder an sich selbst zweifelt. Es geht darum, daß der Mensch sich erinnert, welcher innere Impuls ihn die Regel hat brechen lassen. Nur das ist von Bedeutung! Diesen Prozeß der Auseinandersetzung mit sich selbst nenne ich Arbeit an sich selbst. Es geht darum, die Macht über sich selbst zurückzugewinnen.“
Als der Letzte Lehrer geendet hatte, blickte er in betrübte Gesichter. Alle Schüler blickten zu Boden. Viele von ihnen hatten ihre Regeln, die sie sich vor Wochen auferlegt hatten, inzwischen schon wieder vergessen. Und die, die sich daran erinnern konnten, hatten schon längst vergessen, warum sie ihre Regel gebrochen hatten.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

Ein Kommentar zu “Der Letzte Lehrer: 12. Die Arbeit an sich selbst
  1. Pia Magdalen sagt:

    Es klingt so einfach, und ist doch so schwer sich an einzige Regel zu halten! Und vor allem was man für Ausreden und Beschwichtigungen sich selbst gegenüber hat, die Regel nicht zu halten ist enorm.

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