Der Letzte Lehrer: 113. Die Kraft des Atems

 

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie auf einer Waldlichtung Atemübungen durchgeführt. Nie war der Letzte Lehrer müde geworden, darauf hinzuweisen, wie wichtig das bewußte Atmen sei. Nach den Übungen hatten die Schüler sich in den Kreis gesetzt.
Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte. Einer der Schüler meldete sich zu Wort und erklärte: „In meinem Berufsumfeld habe ich einen Vorgesetzten, der mir immer wieder seinen Willen aufzwingt. Egal, worüber er spricht, ich höre ihm zu, und egal, was er anordnet, ich versuche es ihm immer Recht zu machen. Dadurch verliere ich meine Eigenständigkeit und fühle mich nach einer Weile immer unwohler und immer schwächer.“
Der Letzte Lehrer nickte verständnisvoll und sprach: „Zuerst einmal müssen wir uns klarmachen, wie es deinem Vorgesetzten gelingt, dich in sein Energiefeld hineinzuziehen. Das ist relativ schnell gesagt: Er zwingt dir unbewußt seinen Atemrhythmus auf, das heißt, er nutzt seinen Vorgesetztenstatus aus und zwingt dir, ohne daß du es merkst, seinen Atemrhythmus auf. In diesem Moment, in dem du seinen Atemrhythmus übernimmst, bist du in seinem Energiefeld, und nun kann er dir seinen Willen aufzwingen. Dies ist sehr wichtig zu verstehen, denn von hier aus läßt sich eine Abwehrstrategie entwickeln. Übrigens, die ganze Filmindustrie arbeitet damit, daß wir den Atemrhythmus der Schauspieler, die die Hauptrolle spielen und mit denen wir uns identifizieren sollen, übernehmen. Somit können wir auch erklären, daß wir über den Atem Angst, Schreck und Liebesgefühle in uns erleben können, obwohl wir wissen, daß das, was wir sehen, nur ein Film ist.“
Der Schüler fragte: „Was kann ich denn eigentlich dagegen unternehmen?“
Der Letzte Lehrer fuhr fort: „Das ist äußerst einfach! Trete aus seinem Atemrhythmus heraus. Wann immer du in die Nähe seines Energiefeldes kommst, atme so, daß dein eigenes Bewußtsein deinen eigenen Atem steuert. Bleibe in deinem eigenen Atemrhythmus und du bleibst bei dir und nichts und niemand kann dich beeinflussen.“
Alle Schüler nickten eifrig, denn viele von ihnen kannten das Gefühl, nicht bei sich zu sein. Ob sie aber auch im rechten Moment an den Atem denken würden, bezweifelten sie ehrlich.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer II – 108 Momente der Weisheit“)

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