Der Letzte Lehrer: 10. Über das Leiden

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie eine Wiese überquert, auf der viele Menschen gelegen hatten, die ihren Rausch ausschliefen, den sie sich auf einem in der Nähe stattfindenden Volksfest angetrunken hatten. Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Da fragte ein Schüler: „Was ist eigentlich die Bedeutung von Leiden?“
Der Letzte Lehrer sprach gerne über das Scheitern und das bewußte Leiden und also hub er begeistert an: „Leiden heißt, unzufrieden sein, weil etwas anders als gewünscht oder geplant abgelaufen ist. Wer leidet, hat sich selbst ein Ziel gesetzt, für das er bereit war, alles zu geben, um es zu erreichen. Aber er hat es nicht erreicht. Und nun wird er so lange leiden, bis er wieder Schritte unternimmt, um sein ursprüngliches Ziel doch noch zu erreichen. So entwickelt sich das bewußte Leiden zu einer enormen Treibkraft, sich immer weiter zu entwickeln. Leiden ist der Zustand, der zwangsläufig entsteht, wenn der Körper, der Geist und die Gefühle sich nicht in gegenseitiger harmonischer Balance befinden. Der Mensch ist aufgrund seiner Fehleinschätzung der Wirklichkeit disharmonisch geworden. Die Zielvorstellung des Menschen und seine Wirklichkeit stimmen nicht mehr überein. Dies erfüllt ihn mit Leiden, das in den Wunsch mündet, wieder in harmonische Balance zu gelangen. Das setzt aber voraus, daß er keine Drogen nimmt. Wer Drogen nimmt, um das Leiden nicht zu spüren, der beraubt sich seiner Antriebskraft. Jedes Leiden kann dadurch überwunden werden, daß man Schritte unternimmt, die eigene Vorstellung mit der Wirklichkeit auszusöhnen. Bewußtes Leiden ist die Antriebskraft, um seinem Ziel näher zu kommen. Leiden ist die Motivation, um aus einer disharmonischen Lebenssituation durch eigene Anstrengung eine harmonische zu entwickeln.“
Die Schüler nickten alle, denn sie fanden es gut, daß man ein Ziel erreichen solle. Dafür wollten sie schon mal leiden oder so… Auf jeden Fall waren sie sehr froh, daß die kurze Rede des Letzten Lehrers über das Leiden einen so versöhnlichen Schluß genommen hatte.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

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Ein Kommentar auf “Der Letzte Lehrer: 10. Über das Leiden
  1. das ist gewiss das wichtigste, doch dann gibt es auch noch anderes Leiden.
    So gibt es zum Beispiel das Leiden Anderer, womit man mitfühlen kann, was sie empfinden, ertragen, entbahren, .. das nennt man Mit-Leiden. Es hilft sie nicht, es bringt der Sache nichts, Frau oder Man tut sich damit nichts tastbar Gutes, dennoch ist es Wesentlich für die Menschen unter die Leute.
    Oder das Leiden an Anderen, unter sie oder genau im Gegenteil, unter Ihrer Abwesenheit.
    Darüber wird viel spekuliert, über beides, wie am besten damit um zu gehen.
    Und dann gibt es noch ein anderes Leiden, das Leiden unter was Grösserem, noch komplizierter dennoch nicht ungefährlicher. Ich hörte jemand schreibt vielleicht dazu ein Buch das passt in diesem Rahmen..

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