Der Fremde bin ich selbst

 

♦ Es ist mein Ziel, Ihre Aufmerksamkeit einmal mutig auf sich selbst zu lenken. Das Fremde liegt nicht außerhalb von uns, sondern wir selbst sind uns fremd geworden. Wir kennen uns nicht mehr, denn wir vermeiden uns, wo wir nur können. Wir geben alles, um ungestört in unseren Illusionen schwelgen zu können. Immer mehr investieren wir in den Aufbau von Scheinwelten, einzig und allein zu dem Zwecke, der eigenen Wirklichkeit nachhaltig zu entrinnen.
Das Naheliegendste und doch gleichermaßen Fernste, das eigentlich Wohlvertraute­ste, aber auch gleichzeitig Fremdeste, ist unser eigener Körper. Bedauerlicherweise ist uns nahezu jegliches tiefere Wissen über unseren eigenen Körper ­verlorengegangen.
Sind wir doch ehrlich, im Allgemeinen sind wir froh, wenn wir unseren Körper nicht spüren. Und wenn er krank wird, das heißt, sich vehement meldet oder körpersprachlich ausgedrückt: Wenn er schreit, dann fürchten wir seine Macht und sind jenen Ärzten dankbar, die uns helfen, durch schnelle – und nicht ungefährliche – Medikamentengabe das Krankmachende zu beseitigen, wieder fortzudrängen oder, um es nochmal körpersprachlich zu formulieren, zum Schweigen zu bringen.
Der Körper soll in seiner Sprache, in seiner Gestaltungsmöglichkeit, in seiner Kreativität fortgedrängt werden, und dennoch sehnt sich der Mensch gleichzeitig nach Kreativität, nach Vitalität, nach Kraft und Lebensfreude.
Wir sind uns selbst fremd geworden, und dies ist ein Problem unserer Zeit: Wir fühlen uns durch das Fremde bedroht. Je fremder wir uns selbst fühlen, umso fremder erscheinen uns andere Menschen. „Jemand ist mir fremd geworden“ oder: „Es ist eine Entfremdung eingetreten“, sind Formulierungen, die den Prozess der Fremdwerdung beschreiben. So ist es nicht verwunderlich, wenn die gesellschaftlichen Probleme wie zum Beispiel Ausländer- oder Fremdenhass immer stärker zunehmen. Wer sich selbst fremd ist, der sieht sich von immer mehr Fremden umgeben, gegen die früher oder später nur noch aggressive Abwehr als einzige Überlebensstrategie sinnvoll erscheint.
Wir sehen also: Wenn wir uns selbst besser kennenlernen, uns wieder mit uns selbst anfreunden, dann werden wir auch gegenüber fremden Menschen eine schärfere Unterscheidungskraft und eine höhere Fähigkeit, andere zu integrieren, entwickeln können.
Wie aber können wir unseren Körper aus seiner angstvollen Enge befreien? Die Antwort ist einfacher als gedacht: Wie könnte man den Körper besser befreien als dadurch, dass man ihm erlaubt zu spielen, dadurch, dass man sich selbst erlaubt, wieder kindlich kreativ zu sein. Warum lassen wir nicht einmal die Zügel los, mit denen wir uns normalerweise beherrschen, und gehen ganz im Tanz und Spiel auf? Wenn wir das Theaterspiel ernst nehmen, um Rollen zu spielen, die in Wirklichkeit nicht möglich sind, dann nutzen wir das Theater zum Spiel, das in bedingungslose Selbsterkenntnis mündet.

(Aus: Johannes Galli, „Persönlichkeit durch Rollenwechsel – Der Kern der Galli Methode®“)

Veröffentlicht in Blog, Schriften zur Galli Methode®
2 Kommentare zu “Der Fremde bin ich selbst
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Wenn man körperlich behindert isi, kann man sich eigentlich nur geistig weiter entwickeln, oder ?

  2. Michael Wenk sagt:

    Wer ist das da im Spiegel? Ach das bin ja ich! Komisch ich bin doch eigentlich viel juenger, schoener, klueger?

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