Das Suchttagebuch

 

♦ Gerade zum neuen Jahr hin neigen die Menschen dazu, gute Vorsätze zu haben. Man möchte gesünder, schöner, reiner und erfolgreicher werden.
Im Folgenden liefere ich eine umfassende Wegbeschreibung aus allen Süchten, nicht nur den Alltagssüchten, heraus. Forsch fasse ich mal alle Süchte zusammen, die mir gerade einfallen: Kaffee, Zigaretten, Bier, Wein, Zucker, Medikamente und viele andere Süchte mehr. Ach, halt! Fresssucht habe ich vergessen und natürlich die harten Drogen. Schnaps, Gras, Extasy, Speed, Kokain… Ups, Fernsehsucht hab ich noch vergessen.
Wollen wir an dieser Stelle definieren, was Sucht eigentlich ist. Sucht ist diejenige Angewohnheit, mit der man nicht aufhören kann, obwohl man es will. Nehmen wir mal an, dass einer mit einer Sucht aufhören will. Gerade zum Jahresende beziehungsweise Jahresneuanfang ist man doch schnell zu einem leidenschaftlichen Schwur bereit, weil man überzeugt ist, dass die Sucht einen von Konzentration und Willenskraft abhält. Und deshalb will man die Sucht überwinden. Was dann? Es besteht die Gefahr, dass, wenn wir mit Suchtunterdrückung herumexperimentieren, uns lediglich eine Suchtverschiebung, aber keine Suchtüberwindung gelingt.
Ich will noch ein bisschen ausholen. Wie sieht sie aus, die Wirklichkeit? Oft glauben wir allen Ernstes, dass wir mit Vorsatz und Willensstärke unsere Sucht überwinden können. Ich gebe zu, dass es am Anfang klappt, vielleicht mal einen Monat oder drei oder ein Jahr, aber dann kommt der Jojo-Effekt daher und hat einen wieder am Kragen.
Nun aber kommt der allerwichtigste Ratschlag zuallererst: Mach mit deiner Sucht weiter wie bisher. Vielleicht staunst du jetzt, denn du hast erwartet, ich würde den moralischen Zeigefinger hochwuchten und dir vor der Nase rumfuchteln. Das mach ich keineswegs.
„Ab nächster Woche höre ich auf zu rauchen.“ Oder: „Bis Ostern habe ich drei Kilo abgenommen und esse nie mehr fette, süße Speisen.“ Oder: „Ab morgen statt Kaffee nur noch Kräutertee.“ Oder gar: „Ich trinke nur noch Samstagabends ein kleines Gläschen Rotwein.“ So oder so ähnlich klingt es, dilettantische Suchtverdrängungsmechanismen in Kraft zu setzen.
Und hier nun mein entschiedener, wohldurchdachter Rat: Mach bitte weiter wie bisher, unbedingt. Aber diesmal mit Bewusstsein! Immer wieder, wenn du deiner Sucht erliegst, nimmst du dein Suchttagebuch und trägst Ort, Zeit und Situation ein, in der dich die Sucht übermannt hat. Außerdem sollten auch alle handelnden Personen aufgeführt werden. Wichtig ist, dass du dir genau notierst, welche Gedanken, welche Gefühle und welche körperlichen Empfindungen du in dem Moment hattest, als du deiner Sucht nachgegeben hast. Schon nach neun Tagen regelmäßiger Tagebuchaufzeichnungen, in denen du nun nach und nach das Motiv für deine Suchttat ergründest, lernst du dich kennen. Und je mehr du dich kennenlernst, umso mehr kannst du dich steuern. Und je mehr du dich steuern kannst, umso mehr kannst du Suchtmomente überwinden.
So, das war’s schon. Einfach, präzise, wirkungsvoll. Nicht die Sucht verdrängen oder verschieben, sondern die Sucht ins Bewusstsein heben. Sich ganz bewusst seiner eigenen Angewohnheit stellen.
Ich will es noch mal erklären, denn ebenso einfach, wie es klingt, ist es schwer, es durchzuführen. Warum? Zu Suchtmitteln greifen wir in dem Moment, in dem wir das gerade Erlebte nicht wahrnehmen wollen und uns sozusagen mit dem Suchtmittel aus dem Moment herauskatapultieren. Beispiel: Wenn ein Raucher etwas sagen müsste, eine ehrliche Antwort geben müsste, zieht er es vor, zu schweigen und sich eine Zigarette anzuzünden. Wenn zwei Menschen miteinander offen und ehrlich reden sollten, ziehen sie es vor, fetten Kuchen zu essen. Wann immer man ernsthafte Gespräche, die sich um die echten eigenen Sorgen drehen, führen sollte, greift man lieber zu einem Bier oder zu einem Glas Wein und schweigt oder lenkt das Gespräch in unverfängliche Flachheit. Und dazu kommt noch die Schulmedizin, die sagt: Rauchen ist schlecht für die Lungen, Kaffee schlecht fürs Herz, Alkohol schlecht für die Leber, Süßigkeiten schlecht für die Zähne, fette Speisen schlecht für die Bauchspeicheldrüse, Marihuana schlecht fürs Nervensystem und so weiter und so fort. Keine Droge ist aus sich selbst heraus schlecht. Es ist die Sucht. Es ist die Sucht, die uns die Droge im Übermaß konsumieren lässt. Süchte aller Art sind Lebensverhinderer. Indem wir das wirkliche, dynamische Leben nicht zulassen, unterstützen wir unser Illusionsgewebe. Und das ist die verheerende Wirkung der Süchte. Das Leben zieht an uns vorbei und wir sind gefangen in unseren Illusionswelten. Und genau so sieht die Welt aus. Energiepolitik, Klimawandel, Völkerwanderung, Waffenlieferung, Terrorbekämpfung, alles wird beschönigt, nicht ernsthaft diskutiert. Die Wirklichkeit können wir nur erkennen, indem wir unser Bewusstsein erweitern und bei uns selbst beginnen.

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Ein Kommentar zu “Das Suchttagebuch
  1. Monika Tisowsky sagt:

    Bewusstheitsdisziplin

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