Belehrungssucht

 

♦ Es gibt immer mehr Lehrer auf der Welt oder besser gesagt: Belehrende. Alle wissen immer alles besser. Und das nimmt seit Jahren rasant zu.
Manchmal bin ich ja dankbar für Belehrungen, weil sie mich weiterbringen. Aber sehr häufig ist das nicht so. Nehmen wir zum Beispiel ein ganz normales Fußballspiel. Da sitzen fünfzigtausend Trainer im Stadion und schreien und brüllen, wie die Spieler es ihrer Meinung nach machen sollten. Aber sie selbst können keine hundert Meter laufen ohne Atembeschwerden.
Oder da ist einer krank. Jeder, mit dem er spricht, kennt vom Hörensagen eine Medizin, einen Heiler oder eine Methode, die ihn auf wundersame Weise heilen sollen.
Oder man hat im privaten Bereich Probleme mit dem Partner. Sofort wird man belehrt von allen Freunden und Bekannten, meist selbst mehrfach geschieden, welche Regeln für eine glückliche Partnerschaft beachtet werden müssen.
Wir fragen uns: Was ist denn eigentlich mit der Menschheit geschehen? Was führt eigentlich zu dieser entfesselten, hemmungslosen Belehrungssucht?
Allerdings muss ich jetzt vermeiden, dass ich selbst in den furchtbaren Verdacht gerate, belehren zu wollen.
Wir Menschen wollen uns niemandem mehr öffnen. Wir wollen mit niemandem mitfühlen. Wir sagen immer: „Dein Schicksal ist dein Schicksal, und mein Schicksal ist mein Schicksal.“ Und das kann man nur sagen, wenn man sein Herz verschließt.
Warum wollen wir unser Herz fest verschlossen halten? Weil wir zu oft verletzt wurden. Und wie wurden wir verletzt? Durch hemmungslose Belehrung, die wir über uns ergehen lassen mussten. Ziel dieser Belehrung war es immer, Macht über uns auszuüben. Niemals sollten wir wirklich belehrt werden, sondern es sollte nur demonstriert werden, wer hier der Mächtigere ist. Und das tat uns weh, denn wir waren unterlegen.
Ich meine, hin und wieder ist es sogar gut, sich zu verschließen. Aber doch nicht immer. Doch kein Herzdauerverschluss.
Den anderen zu belehren, ist die optimale Möglichkeit, unerkannt sein Herz zu verschließen und durch scheinbare Hilfestellung Kontrolle und Macht über den anderen zu gewinnen. Überprüfen wir uns doch mal. Beobachten wir uns mal selbst, wie wir in jedem Gespräch den anderen auf ein Gebiet führen wollen, auf dem wir selbst Bescheid wissen. Und wenn wir auf diesem Gebiet sind, dann findet hemmungslose Belehrung statt. Dann zeigen wir mit wahrer Begeisterung unsere Überlegenheit.
Hier meine Idee: Als ersten Schritt, um den Dauerbelehrungsbeschuss zu überwinden, schlage ich vor, dem andern zuzuhören, um sich genau in seine Situation versetzen zu können. Einfach nur zuhören und sich genau vorstellen, was der andere sagt – und das Herz öffnet sich wieder!

3 Kommentare zu “Belehrungssucht
  1. Charlotte de la Pointe sagt:

    Echte Bereitschaft des wohlwollenden Zuhörens bei grassierendem Dauerbelehrungsbeschuss wäre absolut erlösend für eine humane Gesellschaft.

    Utopie oder veränderbare Zukunftsmusik ?

  2. Birgit sagt:

    Ich denke es war stets zu allen Zeiten so, jedoch wurde es in der Öffentlichkeit und in den Medien nicht so breitgetreten und kommuniziert.
    Die Nachbarin wusste schon früher um ein Kraut zur Behandlung von Krankheiten und an langen Handarbeitsabenden in der Spinnstube wurden „Tipps“ für den Ehe Alltag gegeben…1954 wurde im Fußballstadion genauso bebrüllt und geschimpft wie Heute……e i n z i g die Medien haben sich geändert,die Spezies Mensch wohl kaum….😜

  3. Rainer sagt:

    Es ist erschreckend aber wahr. Auch ich leide an Belehrungssucht… und nun? Mund halten, zuhören, mitfühlen … Mein Übungsprogramm

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