Der Letzte Lehrer: 9. Selbsttäuschung und Selbstberuhigung

♦ Wieder einmal saßen der Letzte Lehrer und seine wenigen Schüler zusammen. Gemeinsam hatten sie eine Wiese überquert, auf der viele Menschen gelegen hatten, die ihren Rausch ausschliefen, den sie sich
auf einem in der Nähe stattfindenden Volksfest angetrunken hatten. Nun saßen sie im Kreis und der Letzte Lehrer wartete auf die begeistert gestellte Frage, die er gerne beantworten wollte.
Der Letzte Lehrer hatte in der letzten Zeit ausgesprochen viel Wahrheit gesprochen und dementsprechend waren die Schüler übellaunig.
Eine Schülerin konnte die angespannte Stimmung nicht mehr ertragen und fragte den Letzten Lehrer: „Warum sind wir so oft verletzt, wenn du wahrhaftig zu uns sprichst?“
Wie es so seine Art war, antwortete der Letzte Lehrer geradeheraus: „Der Hang des Menschen zur Selbsttäuschung und Selbstberuhigung ist weltweit unglaublich angewachsen. Die Selbstillusionierung der breiten Menschenmassen wird massiv von den Regierungen, Machthabenden und Kulturschaffenden dieser Welt unterstützt. Also wird es täglich schwieriger, die Wirklichkeit zu erkennen und die Wahrheit zu benennen. Wenn man versucht, einen Dorn aus der Pfote eines Hundes zu ziehen, so wird der Hund beißen. Genauso wehrt sich der Mensch verzweifelt, wenn man versucht, den Dorn der Selbsttäuschung und der Selbstberuhigung aus seinem Herzen zu ziehen. Wir werden von Kindesbeinen an daran gewöhnt, in Illusionen zu leben. Wir erschaffen uns Illusionswelten in unseren Tagträumen. Wir erhalten täglich neuen Stoff für unsere Illusionen in vielen Theater- und Kinobesuchen und Musikveranstaltungen. Vor allem an den vielen Fernsehabenden werden wir aufgefordert, uns in andere Welten hineinzufühlen. Wir machen das so intensiv, daß wir unseren eigenen Weg zurück zu uns selbst verlieren. Kaum ein Mensch ist in der Lage, auf die ganz einfache Frage, was das Ziel seines Lebens sei, wohlüberlegt und vor allem wohlvorbereitet zu antworten.“
Der Letzte Lehrer blickte seine Schüler an. Die aber hatten alle Angst, daß der Letzte Lehrer sie nun spontan nach dem Ziel ihres Lebens fragen würde. Viele hielten die Luft an, und erst, als sich der Letzte Lehrer erhob und sich freundlich verabschiedete, atmeten sie erleichtert wieder auf.

(Aus: Johannes Galli, „Der Letzte Lehrer – 108 Momente der Weisheit“)

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